Damit der Sozialstaat eine Zukunft hat

15. September 2014, 18:33
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Bildung und Beschäftigung als Säulen für Nachhaltigkeit

Wien - Angela Merkel war allgegenwärtig, auch wenn sie nicht anwesend war. Beim Symposium zur Zukunft des Wohlfahrtsstaates ("Future of Welfare in a Global Europe") war ihre in der Schuldenkrise ausgegebene Formel "7-25-50" immer wieder Thema. Europa, mit einem Anteil an der globalen Bevölkerung von sieben Prozent und an der Wirtschaftskraft von 25 Prozent, ist auch verantwortlich für die Hälfte der weltweiten Sozialleistungen. Das könne sich auf lange Sicht nicht ausgehen.

In Wien diskutierten am Montag auf Einladung der Denkfabrik European Centre for Social Welfare Policy and Research Ökonomen und Soziologen aus verschiedenen Blickwinkeln, wie der Wohlfahrtsstaat trotz allem finanzierbar bleiben kann. Ein konstanter Gegenwind für wesentliche Teile des Wohlfahrtsstaates sei dabei die Demografie: "Unser heutiges Pensionssystem ist angewiesen auf starkes Wirtschaftswachstum", sagt die italienische Ökonomin und ehemalige Ministerin in der Regierung von Mario Monti, Elsa Fornero. Sie warnte, dass ein geringerer Bevölkerungszuwachs in Europa auch die Wirtschaft zurückhalten werde.

Der Demograf Wolfgang Lutz zeichnete ein differenziertes Bild. "Es braucht eine Aufwertung der Fähigkeiten", fordert der Professor für Sozialstatistik an der Wirtschaftsuniversität Wien. Denn junge, gut ausgebildete und produktivere Generationen könnten womöglich auch in kleinerer Zahl den Wohlstand erhalten. Dafür seien aber als wichtige Säule Investitionen in Bildung notwendig.

In dasselbe Horn stieß Pieter Vanhuysse. Der Ökonom leitet beim Gastgeber, dem European Centre, die Forschung und betont die Wichtigkeit von Frühförderung für das Sozialsystem. "Doch die Krise hat die Lebensbedingungen für die Jungen erschüttert", schließt er aus den europäischen Daten. Die Quote der unter Sechs-Jährigen, die unter materiellem Mangel aufwachsen, hat sich in den EU-Ländern seit der Krise deutlich erhöht, in Süd- und in Südosteuropa. Mehr noch, der Anteil von 15- bis 24-Jährigen, die weder in Ausbildung noch in Beschäftigung stehen, ist in Italien etwa auf 21 Prozent gestiegen.

Die lange Unterbeschäftigung könnte in den kommenden Jahrzehnten die sozialen Kosten an anderer Stelle steigen lassen. So betont Christopher Prinz, Sozialexperte bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD, dass ein stabiler Job auch gut für die mentale Gesundheit ist. Psychische Erkrankungen seien bereits heute "der wichtigste Treiber für Inaktivität und Langzeitarbeitslosigkeit". (sulu, DER STANDARD, 16.9.2014)

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