Tricksen, bis die Götter herabsteigen

15. September 2014, 17:38
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125 Jahre Volkstheater: Mit Aristophanes' "Die Vögel" eröffnet das Haus am Weghuberpark seine neue Saison. In Thomas Schulte-Michels quietschbunter Inszenierung kommt das Stück aber bald abhanden

Wien - "Was soll das Volk im Theater?" Nach 125 Jahren, die das Wiener Volkstheater nun auf dem Buckel hat, darf man durchaus einmal nachfragen. Im gleichnamigen Jubiläumsbildband (Brandstätter Verlag, 125 Seiten) antworten unterschiedlichste Stimmen. Künstler, Fans und Politiker. Unter ihnen spricht Slavko Ninic, Musiker der Wiener Tschuschenkapelle, Klartext:

"Wenn die Macht vom Volk ausgehen soll [...], darf das Volk nicht blöd sein. Nun wird sehr viel Geld ausgegeben, damit das Volk blöd bleibt oder wird, denn dann haben diejenigen, die im Namen des Volkes regieren, ein leichtes Spiel [...]. Das Volk [aber] muss Wahrheit von Lüge, Schönheit von Schein, Kunst von Kitsch, Demokrat vom Demagogen unterscheiden können. Dazu braucht es seine Tempel, keine trivialen Klamaukbühnen, sondern gutes Theater [...]".

1889 wurde das Deutsche Volkstheater als Gegenpol zum kaiserlichen Hofburgtheater eröffnet. Dessen hat man am Sonntag mit einem Tag der offenen Tür gedacht und einer Premiere, die ganz den volksbildnerischen Auftrag im Auge hatte, Aristophanes' Politparabel Die Vögel, und die zudem, wie es der Aufführungspraxis antiker Komödien entspricht, ebenso Belustigungspotenzial in sich trug. Für diesen Eröffnungsabend engagierte Direktor Michael Schottenberg den ganz auf kurzweilige 90-Minüter eingeschworenen Regisseur Thomas Schulte-Michels.

Auf einer schwarzen Riesentreppe siedelt er das Reich der Vögel an, die auf die Menschen (das Publikum) hinabblicken und über sich im verhangenen Schnürboden die Götterwelt wähnen. Hier wollen die Bürger Pisthetairos (Günter Franzmeier) und Euelpides (Till Firit) ein neues Reich errichten, ein "afrocleanes" Refugium, wie es in der Stückfassung Schulte-Michels' heißt, fern von "Euro-Junkies" und der in Athen herrschenden "Migranteritis".

Der Regisseur kürzt gravierend und entwickelt eine Show, in der die geschliffene, in ihren Inhalten markerschütternde Überredungskunst des Demagogen Pisthetairos vom Gewusel quietschbunter Chorvögel leider vielfach überflügelt wird. Die betont dämlich agierenden Vögel in ihren (entsprechend den attischen Gepflogenheiten) burlesk mit dicken Pobacken ausstaffierten Kostümen von Tanja Liebermann machen jede Überzeugungsarbeit hinfällig.

Damit bleibt auch die eigentliche Chuzpe in diesem Stück recht wirkungslos: nämlich die Machtergreifung in der Erlöserpose, sprich die Erhebung des Vogelvolkes aus seiner Unmündigkeit, indem man es selbst beherrscht und schlussendlich abschlachtet.

Mit "inländischen Krallenwerkern" lässt Pisthetairos mit Duldung der Vogelchefs (Thomas Kamper, Alexander Lhotzky, Patrick Lammer) die Luftstadt Wolkenkuckucksheim bauen, wer ihm in die Quere kommt, wird weggeprügelt.

Das Gefiedermotiv wurde vielfach variiert, von eingebauten Redewendungen ("einen an der Meise haben"), über Vogelgrippewitze bis hin zu Federschmuck aller Art. Es gibt in diesem Defilee der Grünschnäbel viel zu sehen und bleibt deswegen kurzweilig. Die Treppe (ähnlich beim Revisor im Vorjahr) sorgt für minütliche Bombenauftritte im Showlicht. Götterbotin Iris könnte auch Kylie Minogue sein. Alles schön, doch das Thema entfleucht.

Tipp: Im Foyer über der Roten Bar widmet das Volkstheater dem Theaterarchitektenpaar Helmer & Fellner eine Ausstellung (bis 20. 12.). Auch die dort einsehbaren historischen Büffetpreise sind interessant. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 16.9.2014)

  • Reißen mit fremden Federn die Macht an sich: Die ehemaligen Athener Bürger Pisthetairos (Günter Franzmeier) und sein Mitläufer Euelpides (Till Firit, li.) in Aristophanes' "Die Vögel" am Volkstheater.
    foto: apa/herbert neubauer

    Reißen mit fremden Federn die Macht an sich: Die ehemaligen Athener Bürger Pisthetairos (Günter Franzmeier) und sein Mitläufer Euelpides (Till Firit, li.) in Aristophanes' "Die Vögel" am Volkstheater.

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