Israel: Kritik an Elite-Soldaten nach Verweigerungskampagne

15. September 2014, 17:28
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Reservisten aus Späheinheit hatten Dienst niedergelegt

In der Vergangenheit haben israelische Soldaten immer wieder einzeln oder organisiert offene Kritik an der Armee geübt oder Einsätze verweigert. Eine am Wochenende publik gewordene Verweigerungsaktion ist jetzt aber besonders aufgefallen, weil sie so kurz nach dem letzten Krieg gegen die Hamas gestartet wurde und von der als Perle des militärischen Nachrichtendienstes geltenden Einheit "8200" (gesprochen "acht-zweihundert") ausgegangen ist.

43 männliche und weibliche Reservisten werfen ihrer Einheit vor, die von ihr gesammelten Informationen "schaden unschuldigen Menschen und werden für die politische Verfolgung und die Verletzung der Privatsphäre von Palästinensern benützt". Die Hauptfunktion von "8200" sei es, "ein anderes Volk zu kontrollieren", heißt es in einem nur mit Rängen und Vornamen gezeichneten Brief an den Premierminister und die militärische Führung. "Unser Gewissen verbietet es uns, weiterhin diesem System zu dienen."

Die Einheit, zu der einige Tausend Soldaten zählen, betreibt weltweit elektronisches Monitoring, vergleichbar mit dem durch die Enthüllungen Edward Snowdens ins Gerede gekommenen US-Geheimdienst NSA. Die Unterzeichner beziehen sich aber ausschließlich auf Bespitzelungen im Palästinensergebiet, die etwa der Verhinderung von Anschlägen oder der Rekrutierung von Kollaborateuren dienen sollen.

„Hohe Professionalität“

Die Handlungsweise der Verweigerer stößt jetzt in Israel weithin auf Ablehnung. „8200“ habe "hohe Standards von Moral und Professionalität", sagte etwa Jizchak Herzog, der Chef der oppositionellen Arbeiterpartei, der selbst seinen Wehrdienst bei der Einheit abgeleistet hat. Der Brief scheine "Teil einer politischen Kampagne zu sein". Laut Amos Yadlin, Exkommandant des militärischen Nachrichtendienstes, gibt es immer "eine Spannung zwischen der Notwendigkeit, die Bürger zu schützen, und der Notwendigkeit, die Privatsphäre zu schützen“. Doch "8200" leiste eine "gesegnete Arbeit": "Es gibt hunderte Menschen, Zivilisten und Soldaten, die heute gesund auf ihren zwei Beinen stehen mit ihren Familien und nicht wissen, dass ‚8200‘ sie gerettet hat."

In einem Gegenmanifest haben rund 150 andere Angehörige von „8200“ die "Verleumdungen" durch ihre Kameraden zurückgewiesen. Den rebellischen Reservisten wird von vielen Seiten vorgeworfen, dass sie „ihren Armeedienst für politische Zwecke missbraucht“ und die Medien mobilisiert hätten, ohne zuvor ihre Einwände intern vorzubringen. "Das stimmt nicht", sagte Hauptmann Daniel, einer der Unterzeichner, im Armee-Radio, "ein großer Teil von uns hat das während des Dienstes getan und wurde ignoriert". Die Armee hat jetzt „disziplinarische Maßnahmen" angekündigt, und man rechnet damit, dass die Unterzeichner aus der Einheit entlassen werden. (Ben Segenreich, DER STANDARD, 16.9.2014)

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