Gelernt ist nicht gelernt

15. September 2014, 17:29
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Das Cleveland Orchestra und Franz Welser-Möst im Musikverein

Wien - Die Pikanterie, dass Franz Welser-Möst unmittelbar nach seinem Rücktritt als Generalmusikdirektor der Wiener Staatsoper im Rahmen einer Residenz seines Cleveland Orchestra nach Wien kam, hinterließ im Musikverein keinerlei Spuren.

Am Beginn der Konzerte am Sonntag galt alles der Kunst, regierte - auch beim Publikum - die Normalität. Man weiß, was man sich erwarten darf, und wird nicht enttäuscht.

Ein konzentrierter, verlässlicher, akribischer Maestro steht einem Orchester gegenüber, dem nicht zu Unrecht der Ruf einer Perfektionsmaschine vorauseilt. Praktisch alles spielt es "richtig" und stattet es mit luxuriösen Klangwerten aus, doch mitunter wirkt es bei all dem - hier stimmt das Klischee ebenfalls - kühl und mechanisch.

Prinzip Supermarkt

Brahms' "Akademische Festouvertüre", kein besonders inspiriertes Werk, war nicht der schlechteste Start in den Abend - in Anbetracht dessen, was folgte. Denn neben dem Romantiker haben die Amerikaner und ihr Chef diesmal ausschließlich Werke von Jörg Widmann mit im Gepäck.

Der 41-Jährige produziert anspielungsreiche Werke am laufenden Band. Auch sein "Flûte en suite" ist gespickt mit Zitaten aus der Musikgeschichte, "zitiert" bereits die Form der Suite und versucht sich in der Wiederbelebung historischer Tanzsätze.

Dem Solisten Joshua Smith und seinem großen, vollen Ton war kein Vorwurf zu machen. Doch das Stück ist nicht nur ein Spiel mit Versatzstücken, sondern bedient sich auch jüngerer Mittel nach dem Prinzip Supermarkt: Da wird Flatterzunge verwendet, dort flugs ins Instrument gesungen - und fertig ist der Zeitgenosse, nur dass er keinerlei Botschaft mehr zustande bringt als ein Bad in Selbstgefälligkeit.

Schwierige Seelensuche

Das Orchester und Welser-Möst freilich nahmen alles gleichermaßen ernst und genau, zeigten bei Widmanns Effekt- und Materialkatalog ein Kaleidoskop brillanter Klangmomente. Auch bei Brahms' 1 . Symphonie war schlichtweg alles da: ein toller, breiter Sound, nahezu perfekte Tempi - unglaublich genau wurden etwa noch die kleinsten vom Dirigenten angezeigten Änderungen im Zeitmaß umgesetzt.

Doch bei aller Pracht fehlte doch manchmal etwas, wie vor allem im merkwürdig spannungslosen zweiten Satz deutlich wurde. Die Violinsoli gegen Ende zeigten das Problem geradezu exemplarisch, sprach aus ihnen doch der Versuch, zu frei schwebenden, expressiven Phrasen zu finden. Das Unterfangen entpuppte sich aber als schwierige Seelensuche. Denn tatsächlich wirkten diese Passagen mit ihrem zügellosen Vibrieren und ihrer etwas mutwilligen Ungenauigkeit kalkuliert statt empfunden. "Knowing it by heart" müsste anders klingen.

Erste Ersatzdirigenten

Am Donnerstag reist Welser-Möst mit dem Cleveland Orchestra in seine Heimatstadt Linz zum Internationalen Brucknerfest weiter. Dort wird er auch den Ehrenring des Linzer Brucknerhauses entgegennehmen.

In der Zwischenzeit wurden die Verträge zwischen Wiener Staatsoper und deren Ex-Generalmusikdirektor einvernehmlich aufgelöst, wechselseitige Ansprüche bestünden nicht, bekräftigte die Staatsoper in einer Aussendung. Auch die ersten Ersatzdirigenten wurden gefunden.

Statt Welser-Möst wird Tomas Netopil im November Leos Janaceks Das schlaue Füchslein dirigieren, für die Fledermaus zum Jahreswechsel (31. 12., 1., 3., 5.1.) wurde Patrick Lange verpflichtet. (Daniel Ender, DER STANDARD, 16.9.2014)

  • Franz Welser-Möst kehrte zurück.
    foto: apa/georg hochmuth

    Franz Welser-Möst kehrte zurück.

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