Wenn Staaten unter Einsamkeit leiden

15. September 2014, 17:05
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Von Nordkorea via Ungarn bis nach Abchasien: Eindrücke vom Filmfestival Toronto

Die Puszta ist ein weites Land, und der Himmel darüber ist groß. Da verwundert es nicht, wenn ein Filmemacher auf den Gedanken kommt, da einen Western spielen zu lassen. Der Ungar Szabolcs Hajdu lässt in Délibáb (Mirage) die Puszta ein wenig so aussehen, als käme gleich Sam Peckinpahs "Wild Bunch" vorbei. Es kommt dann aber nur François (Isaach de Bankolé), ein Fußballer aus Côte d'Ivoire. Hajdu arbeitet in einem Land, das von Viktor Orbán gerade als autoritäre Enklave neu erfunden wird. Er hält dagegen die Instrumente der Fantasie, auch der schrecklichen: Es wird am Ende übel viel geschossen, um einer rumänischen Bande das Handwerk zu legen.

Beim Filmfestival in Toronto hatte Délibáb vergangene Woche seine Weltpremiere, was auch bedeutet: Hajdus Film war aus der Saison übriggeblieben. Das muss aber nichts heißen, denn bei aller kommerziellen Orientierung des geschäftigen Branchentreffens in der kanadischen Millionenstadt gibt es dort neben US-Prestigeproduktionen wie The Judge (Robert Downey, jr. und Robert Duvall in einer auf Überlebensgröße vergeblich spekulierenden Patriarchengeschichte) doch immer noch viel gutes Kino zu sehen. Dabei kristallisierte sich etwa ein Thema heraus, das bisher kaum wahrgenommen worden war: die Einsamkeit von Staaten.

Die Demokratische Volksrepublik Korea, auch geläufig unter dem Namen Nordkorea, hat gerade einen Bericht veröffentlicht, in dem die "beispiellosen, fortschrittlichen Menschenrechte" im Land gelobt werden. Die Formulierung verrät, dass hier nicht ganz ohne Eifer formuliert wurde, und von einem Menschenrecht auf Schnappschüsse oder gar Neorealismus ist auch in keiner UN-Charta noch die Rede gewesen.

Die Fotofreiheit jedenfalls zählt in Nordkorea nicht zu den höchsten Gütern. Das weiß auch Soon-Mi Yoo, eine aus Korea stammende und in den USA lebende Dokumentarfilmerin, die in Songs from the North eben jene Frage stellt: "Ist Nordkorea vielleicht das einsamste Land der Welt?"

Bilder, die man nicht teilt

Sie findet darauf eine plausible Antwort, die viel mit Bildern zu tun hat. Die Einsamkeit der "Volksmassen" in Nordkorea liegt gerade darin, dass sie mit Bildern leben müssen, die sie mit dem Rest der Welt nicht teilen. Niemand interessiert sich für die Heldentaten von Kim Il-sung im Kampf gegen die japanischen Kolonialherren. In Nordkorea ist das die verbindliche Erzählung, überliefert in Seifenopern und Schlagern, eingebläut schon den kleinsten Schulkindern.

Man hätte nicht unbedingt nach Toronto fahren müssen, um Songs from the North zu sehen, denn dieser kleine, sorgfältige, aufschlussreiche Essayfilm lief auch schon in Locarno. Aber in Toronto entstand wie durch eine List der Vernunft ein Kontext, in dem es um Themen ging, die uns 2014 intensiv beschäftigen: umstrittene Staatlichkeit, gewaltsam gezogene Grenzen, Enklavenschicksale.

Der Franzose Eric Baudelaire stellte mit Letters to Max einen besonders aussichtsreichen Kandidaten für den Titel des einsamsten Staates vor: Abchasien, ein Land gleich neben Georgien, anerkannt nur von Russland und ein paar Vasallen der östlichen Mittelmacht. Die Briefe, von denen im Titel die Rede ist, sind an Maxim Gvinja gerichtet, einen Mann, der bemerkenswert ungeschützt antwortet, bedenkt man, dass er einmal Außenminister war. Aber er lässt durchblicken, dass die protokollarischen Verpflichtungen ein wenig lockerer sind, wenn einer Regierung für Staatsbesuche allenfalls Kuba zur Verfügung steht.

Gvinja erzählt in Letters to Max mit sonorer Stimme vom Leben in einem Land, das sich separiert hat, und Baudelaire stellt dazu Bilder, die er ihm Lauf der Jahre in Abchasien gedreht hat. Schön ist es dort, aber auch ein wenig melancholisch, die üppige Vegetation bemächtigt sich allmählich vieler Ruinen. Die Wellen des Schwarzen Meers branden an steinige Küsten. Man mag an den großen Welterforscher Chris Marker denken, der hier offensichtlich als Inspiration diente.

Das Kino kennt eigene Effekte der Entterritorialisierung, sie haben mit den Resonanzeffekten von Bildern zu tun. Filmfestivals halten im besten Fall genau jene Spannung, in der Bilder beginnen, Grenzen zu überschreiten. (Bert Rebhandl, DER STANDARD, 16.9.2014)

  • Nordkorea als Bilderfolie in "Songs From the North".
    foto: ap

    Nordkorea als Bilderfolie in "Songs From the North".

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