Diabetes: Blutzucker ohne Stich

15. September 2014, 16:27
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Ein neues System zur Blutzuckermessung kommt ohne Blutprobe aus

In Zukunft soll eine Blutzuckermessung für Diabetiker ohne Stich in die Fingerkuppe und mit langfristiger Profilbildung über die Werte möglich sein. Der US-Diagnostik-Konzern Abbott hat am Montag am Rande des Europäischen Diabeteskongresses (EADS/bis 19. September) in Wien dazu ein neues System präsentiert.

An sich sollten speziell Typ-1-Diabetiker (insulinabhängiger Diabetes), die ständig auf die Zufuhr von Insulin angewiesen sind, mehrfach täglich den Blutzucker messen, um die Insulindosis an den Bedarf anzupassen und weder in die gefährliche Unterzuckerung (Hypoglykämie) zu rutschen oder schädliche zu hohe Werte aufzuweisen. Auch für Typ-2-Diabetiker (nicht-insulinabhängiger Diabetes) ist in den vergangenen Jahren eine ähnliche Strategie wichtiger geworden.

Unterzuckerung vermeiden

"Das Blutzuckermessen ist aber mit Schmerzen verbunden, unangenehm, in der Nacht (Gefahr von Hypoglykämien; Anm.) werden zu wenige Werte erhoben", sagte Abbott-Diabetes-Care-Entwickler Jared Watkin. Für eine exakte Blutzuckereinstellung können besonders bei Typ-1-Diabetikern pro Tag auch zehn bis 15 Messungen notwendig sein.

Es gibt zwar bereits Systeme, bei denen der Blutzucker kontinuierlich gemessen wird, aber nur ein Bruchteil der Betroffenen wendet sie an bzw. bekommt sie erstattet. Das sogenannte Freestyle-Libre-System des Konzerns soll das ändern. Die Patienten bringen am äußeren Oberarm einen Sensor mit 35 Millimeter Durchmesser und fünf Millimeter Dicke auf. Das System ist selbst klebend, es besitzt eine fünf Millimeter lange und 0,4 Millimeter dicke Faser, die beim Aufbringen schmerzlos in das Unterhautgewebe eindringt. Über diese Faser wird der Blutzucker via Gewebsflüssigkeit erfasst.

Fährt der Patient mit einem kleinen Lesegerät mit Bildschirm über den Sensor, wird der aktuelle Blutzuckerwert eingespielt. Da die Messeinheit auf jeden Fall alle 15 Minuten einen Test durchführt, wird gleichzeitig ein Profil über die vergangenen acht Stunden angezeigt. Damit kann der Zuckerkranke erkennen, ob der Wert ansteigt oder vielleicht stärker abfällt. Das Sensor-Modul wird 14 Tage getragen und dann entsorgt.

Muster erkennen und Feintuning

"Im Grunde genommen will man ja nicht einzelne Blutzuckerwerte haben, sondern das Blutzuckermuster wissen und die Krankheit insgesamt unter Kontrolle bringen", erklärte der britische Diabetologe Gerry Rayman. Die Kurvendarstellung über Median-Werte und ein einfaches Ampelsystem sollen Patienten und ihren Ärzten die notwendigen Informationen für ein Fein-Tuning der Diabetestherapie bzw. der Blutzuckerkontrolle ermöglichen.

Das neue System trifft auf einen potenziell riesigen Markt. 371 Millionen Menschen sind laut Abbott derzeit weltweit Diabetiker (Europa: 55 Millionen Betroffene). 40 Prozent testen ihre Blutzuckerwerte überhaupt nicht. Das neue System wird in den kommenden Wochen bereits in sieben europäischen Staaten auf den Markt kommen. In Österreich könnte das Ende des Jahres oder Anfang kommenden Jahres der Fall sein. Gleichzeitig laufen wissenschaftliche Studien (auch in Österreich) bei Typ-1- und Typ-2-Diabetikern. (APA, derStandard.at, 15.9,2014)

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