Wirtschaftskammer will Mariahilfer Straße und City sonntags öffnen

15. September 2014, 15:22
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Tourismuszonen könnten 140 Millionen Euro Mehreinnahmen bringen, hoffen Wirtschaftskammer-Mitglieder aus dem ÖVP-nahen Wirtschaftsbund - Vertreter des Sozialdemokratischen Wirtschaftsverbands dagegen - Urabstimmung unter allen Wiener Händlern geplant

Wien - "Eine moderne Weltstadt, die bei ihren Gästen mit Kunst und Kultur und künftig auch mit einem zeitgemäßen Einkaufserlebnis punktet", soll die Bundeshauptstadt werden. Das wünscht sich zumindest die Wirtschaftskammer Wien. Dermaßen positionieren könne man die Stadt aber nur, wenn die Touristen auch sonntags ihr Geld in den Geschäften lassen dürfen. Denn mehr als um ein modernes Image geht es der Wirtschaftskammer um die 140 Millionen Euro, die Wien-Besucher zusätzlich in der Stadt ausgeben könnten.

Eine interne Arbeitsgruppe der Wirtschaftskammer habe diesen Betrag errechnet und um ihn anzuzapfen sei am ehesten die Einrichtung von Tourismuszonen geboten, erklärt Kammerpräsident Walter Ruck am Montag in einer Aussendung. Solche Zonen sollen von den bestehenden Einschränkungen der Sonntagsöffnung im Einzelhandel ausgenommen werden.

Doppelt so viele Betten

Laut Wirtschaftskammer bieten sich "touristisch bedeutende Gebiete mit außergewöhnlichem regionalen Bedarf" an - wo es also besonders viele Hotels und Sehenswürdigkeiten gibt. Das treffe jedenfalls auf den ersten Gemeindebezirk zu. "Möglich wäre aber laut Experten auch eine Tourismuszone in den Bereichen Schönbrunn und untere Mariahilfer Straße", deutet die Wirtschaftskammer an.

"Es handelt sich hier um einen Paradigmenwechsel in diesem Haus", sagte Ruck zur APA. Das liege daran, dass sich die Rahmenbedingungen geändert haben, namentlich am Tourismusboom in Wien. Seit 2004 habe sich die Gesamtzahl der Betten verdoppelt und die Zahl der Nächtigungen sei von acht auf fast 13 Millionen gestiegen. Auch die Pro-Tag-Ausgaben der Touristen haben sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt.

Die Kammer will ihre Mitglieder in den kommenden Wochen zur Urbefragung zu diesem Thema bitten. Es soll die größte Befragung in der Geschichte der Wirtschaftskammer sein, alle Wiener Unternehmer sind eingeladen. Gleichzeitig startet die Kammer Gespräche mit der Stadt und Arbeitnehmervertretern. Formal ist für die Einrichtung einer Tourismuszone der Landeshauptmann, also Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) zuständig. Die Aufsperrerlaubnis könne plangemäßig bereits 2015 umgesetzt werden, so Ruck.

"Demokratisches Gespür" im "Miniaturformat"

Bereits vor einigen Wochen trat der ÖVP-nahe Wirtschaftsbund für die Widmung ausgewählter Gegenden als Tourismuszonen ein. Alexander Biach, Landesdirektor des Wirtschaftsbundes, wiederholte am Montag seine Zustimmung. "Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache. Es ist wirtschaftlich sinnvoll und es ist machbar", sagte Biach. Das offizielle Wien gebe sich mit dem Life Ball, dem Song Contest und einer kulturellen Offenheit als Metropole, so Biach, halte dieses Versprechen aber anders als jede andere Weltstadt bei den Öffnungszeiten im Handel nicht ein. Er lobte speziell das "demokratische Gespür" von Kammerdirektor Ruck, weil dieser für eine Urabstimmung eintritt.

Das genaue Gegenteil erkennt Peko Baxant. Der Direktor des Sozialdemokratischen Wirtschaftsverbands Wien attestiert Ruck ein "Demokratieverständnis im Miniaturformat". Denn über die Sonntagsöffnung nachzudenken, heiße "sich über die Köpfe der Wirtschaftskammer-Mitglieder hinwegzusetzen". Schließlich habe eine eigene Blitzumfrage ergeben, dass sich zwei Drittel der Wiener Einzelhändler gegen sonntags geöffnete Geschäfte aussprechen, so Baxant: "Die Interessen einiger weniger, gut vernetzter Hoteliers" werden über die Bedürfnisse der Händler gestellt.

Durfte der Tourismus dabei sein

Der Obmann der Sparte Handel in der Wirtschaftskammer, Erwin Pellet, begrüßt den Vorstoß jedenfalls "Der Lösungsvorschlag trägt dem Rang Wiens als Weltstadt Rechnung und berücksichtigt die Bedürfnisse der Wiener Händler gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten", sagt . Besonders freue Pellet, "dass wir gemeinsam mit den Kollegen von Tourismus und Gewerbe einen Lösungsvorschlag finden konnten".

Doch die Kollegen vom Tourismus wurden erst gar nicht in die Arbeitsgruppe einbezogen, sagt der stellvertretende Obmann der Sparte Tourismus und Freizeitwirtschaft in der Wirtschaftskammer Wien, Willy Turecek. "Ich halte in aller Deutlichkeit fest, dass unsere Fachgruppe, die die meisten Mitglieder in der Sparte Tourismus und Freizeitwirtschaft zählt, gegen die Sonntagsöffnung ist", so Turecek, der wie Baxant dem Sozialdemokratischen Wirtschaftsverband Wien angehört.

Die ÖVP-nahen Funktionäre der Tourismussparte in der Wiener Wirtschaftskammer sind hingegen auf Linie. Tourismus-Obmann Josef Bitzinger sagt: "Damit die Anzahl der Gäste weiterhin steigt, müssen wir noch attraktiver werden. Und dazu gehört definitiv die Möglichkeit für Wien-Besucher, auch am Sonntag einkaufen zu können. Denn Shopping gehört für den internationalen Touristen dazu wie die Butter aufs Brot."

Vertreter von Hotellierie und Reisebüros begeistert

Auch die Obfrau der Wiener Hotellerie in der Wiener Wirtschaftskammer sieht in der Sonntagsöffnung einen "notwendigen Schritt zu einer zeitgemäßen, attraktiven Tourismusdestination. In vielen Punkten ist Wien top. Immer wiederkehrender Kritikpunkt ist, dass unsere Touristen am Sonntag in der Innenstadt nicht einkaufen können", sagt Andrea Feldbacher.

Und ihr Kollege Gregor Kadanka, Vertreter der Reisebürobranche in der Wirtschaftskammer, ist ebenfalls begeistert: "Damit können wir endlich mit anderen Top-Destinationen gleichziehen und als ebenbürtige Weltstadt am hart umkämpften internationalen Markt punkten."

Im Wiener Rathaus zeigte man sich vorerst abwartend. "Gesprächen verschließen wir uns grundsätzlich nie", sagte ein Sprecher von Wirtschaftsstadträtin Renate Brauner (SPÖ). Verwiesen wurde jedoch auch darauf, dass man derzeit für "flexible Lösungen" eintrete - also dafür, anlassbezogen eine Sonntagsöffnung zu ermöglichen. Diskutiert wird derzeit etwa, ob zum Song Contest im kommenden Jahr am Sonntag eingekauft werden darf. (mcmt, derStandard.at/APA 15.9.2014)

  • Mit der Öffnung der Geschäfte in der Mariahilfer Straße an Sonntagen können 140 Millionen Euro in der Stadt gehalten werden, sind sich die ÖVP-nahen Funktionäre der Wirtschaftskammer sicher.
    foto: apa/georg hochmuth

    Mit der Öffnung der Geschäfte in der Mariahilfer Straße an Sonntagen können 140 Millionen Euro in der Stadt gehalten werden, sind sich die ÖVP-nahen Funktionäre der Wirtschaftskammer sicher.

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