Apocalypse near? Öko-Kollaps als Argument für Einwanderungsstopp

Blog15. September 2014, 23:07
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Der US-Ökonom und Umweltvordenker Dennis Meadows sagt Nein zu Migration nach Europa. Wie reiht sich das in seine Katastrophenprognosen für die nächsten Jahrzehnte ein?

Die ökologische, ökonomische und soziale Katastrophe stehe knapp bevor - und sie sei unaufhaltsam. Das ist die Grundaussage von Dennis Meadows, Ökonom und emeritierter Professor des renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT), der zuletzt mit dem STANDARD ein Gespräch führte.

Der Pessimismus des US-Amerikaners und Vordenkers der Umwelt- und Ökologiebewegung lässt jede Zuversicht als verklärendes Rosa-Brillenträger-Phänomen erscheinen. Zu verhindern sei der weltweite Kollaps nicht mehr, meint der Koautor der 1972 erschienenen, damals bahnbrechenden, vom Thinktank Club of Rome beauftragten Studie "Die Grenzen des Wachstums" in seinen zahlreichen Vorträgen und Interviews.

Ende der Demokratie?

In diesen entwirft Meadows Bilder einer zerfallenden Zivilisation, die sich Demokratie und individuelle Freiheit wohl nicht mehr leisten werde können. Die Frage, wem ein solch bedrohliches Abstiegsszenario nützt, erscheint berechtigt. Welchen Sinn, außer jenen der Verbreitung handlungsunfähiger "Rette sich, wer kann"-Einstellungen, macht es, Katastrophenfilm-ähnliche Prognosen zu stellen – zumal deren Eintreten umstritten und ungewiss ist?

Was wird laut Meadows geschehen? Schon in den allernächsten Jahren werde weltweit immer weniger fossile Energie gefördert werden – denn die Vorkommen, die man zu vernünftigen Preisen abbauen könne, seien praktisch erschöpft, prognostiziert der 72-Jährige.

Massenverelendung

Durch den zunehmenden Energiemangel werde die Wirtschaftsleistung weltweit absinken. Die Folgen: Massenverelendung, verstärkt durch die Auswirkungen einer massiven Klimaerwärmung, die menschengemacht und inzwischen nicht mehr abzuwenden sei.

Diese werde weite Regionen unwirtlich bis unbewohnbar machen, andere aufwerten, was dorthin krisenträchtige Migrantenströme lenken werde. Seuchen würden um sich greifen, die Geburtenraten sinken, die Weltbevölkerung schrumpfen. Zusammengefasst: Apocalypse near.

„Marokkaner und Türken“

Natürlich, um die dramatischsten Folgen dieses Zusammenbruchs zu meistern, hätten reiche Gesellschaft mehr Chancen als arme, meint Meadows. Sie müssten eben ihre Widerstandsfähigkeit erhöhen. In Europa etwa gelte es, die Immigration zu stoppen: Für die anstehenden großen Veränderungen brauche es Menschen, die ähnliche Werte hätten: "Marokkaner und Türken haben andere Vorstellungen als Österreicher", sagt der Ökonom im STANDARD.

An diesem Punkt kommt Meadows zu den gleichen Schlüssen wie rechte und rechtspopulistische Gruppen. Der Gedanke, dass – bei allen Problemen – die Einwanderung Europas Gesellschaften verjüngt sowie dynamischer und veränderungsfähiger gemacht hat, liegt ihm offenbar fern.

Frage der "Werte"

Zwar bezieht er sich im Gespräch in der Folge auf die USA, wo "unterschiedliche Werte" die Bevölkerung paralysierten: der Kongress sei "quasi unfähig", Gesetze zu beschließen. Doch abgesehen von dem Umstand, dass sich im US-Kongress nicht in den USA Geborene und Einwanderer, sondern Republikaner und Demokraten politisch gegenseitig lähmen: Wie ist bei einem Vordenker wie ihm diese Ablehnung fremder, migrantischer "Werte" zu erklären?

Tatsächlich erscheint die Frage höchst spannend, in welchem Verhältnis Meadows Katastrophenthesen mit seiner Einwanderungsskepsis stehen. Neu zumindest ist Letztere nicht, wie ein Blick ins Archiv zeigt. 1995 sprach Meadows laut STANDARD bei der Internationalen Immobilienmesse Inta in Wien vom "Paradoxon der attraktiven Stadt": Um deren Anziehungskraft zu erhalten, gelte es, sie für Zuwanderung unattraktiver zu machen – durch hohe Steuern, Beschränkungen im Autoverkehr und der Landnutzung.

"Gefährlicher Ansatz"

Auf diese Art könne die Stadt ihre Leistungen im Schulwesen, bei der Umweltqualität und in Sozialleistungen aufrechterhalten. Negatives wie Armut, Kriminalität oder Verschlechterung der Wohnqualität würde hintangehalten. Wiens damaliger Planungsstadtrat Hannes Swoboda bezeichnete das als "gefährlichen Ansatz". Statt auseinanderzudividieren gelte es, gesellschaftliche Einheit anzustreben – für Meadows offenbar uninteressant.

Weitere Interviews mit Dennis Meadows sowie Artikel über ihn:

Format: "Da ist nichts, was wir tun könnten"

FAZ: "Wir haben die Welt nicht gerettet"

FAZ: Grüne Industrie ist reine Phantasie

Foreign Affairs: Environmental Alarmism, Then and Now

Foreign Affairs: Is Growth Good?

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    Foto: AP/Sasahara
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