Prozess in Wien: Der Alkoholiker und das Geschirrtuch

16. September 2014, 07:32
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Ein 53-Jähriger soll im Beisein von Beamten seine Freundin attackiert und sich gegen die Festnahme gewehrt haben. Er leugnet, seine Lebensgefährtin verteidigt ihn

Wien - In der Psychologie kennt man den Effekt, dass Menschen unter bestimmten Umständen von ihrem Gegenüber eine feindselige Aktion erwarten - auch wenn es objektiv keine gibt. Vielleicht ein Grund, warum sich Peter F. wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt und versuchter schwerer Körperverletzung vor Richterin Claudia Geiler verantworten muss.

Dass er ein gravierendes Alkoholproblem hat, weiß der 53-Jährige. "Ich trinke nicht, ich schütte. Manchmal drei Bier in zehn Minuten." Weshalb er auch einen stationären Entzug machte. Den er allerdings nach vier statt fünf Wochen abbrach. "Ich wollte eine Einzeltherapie, die habe ich aber nicht bekommen", sagt der durchaus eloquente Angeklagte.

Sturzbetrunken ins Bett gelegt

Also verließ er Anfang August die Klinik am frühen Vormittag. "Ich bin dann in eine Fleischerei gegangen, um mir etwas zu essen zu besorgen. Dort habe ich dann fünf große Bier getrunken." Im Zug nach Wien kamen im Speisewagen sechs weitere dazu. Das Schlafbedürfnis war groß, er ging in die Wohnung, die er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin bewohnt, und legte sich ins Bett.

Als die 48-Jährige von der Arbeit kam, war sie davon wenig begeistert. Und rief die Polizei. Warum, darüber gehen die Aussagen auseinander. "Ich wollte, dass er meine Wohnung verlässt", sagt sie als Zeugin.

"Ich habe aber auch gesagt, dass er hier gemeldet ist und mir nichts tut." Zunächst habe ihr der Polizist erklärt, dass dann die Rettung zuständig sei. Bis sie ihm die Adresse nannte.

Schon im Polizeicomputer

Die schien im Polizeicomputer aufgrund eines früheren Einsatzes wegen Gewalt in der Familie auf. Der erste Streifenwagen machte sich auf den Weg, ein zweiter kam etwas später dazu.

Der erste Polizist sagt aus, die Lebensgefährtin habe die Beamten auf der Straße erwartet und davon gesprochen, F. sei "aggressiv" und sie wolle, "dass er aus der Wohnung kommt".

In der Wohnung selbst sei ihm am Angeklagten sein schwankender Gang und die lallende Aussprache aufgefallen. Um den Sachverhalt zu klären, ging er mit F. ins Wohnzimmer, der setzte sich auf die Couch.

"Plötzlich ist er aufgestanden und hat zu schreien und schimpfen begonnen." Da er sich aufgrund der vielen Beamten bedroht gefühlt habe, hat F. zuvor erklärt. "Ich habe ja nichts gemacht!"

Angebliche Ohrfeige

F. habe herumgefuchtelt, seine Lebensgefährtin sei dazugekommen, der habe er eine Ohrfeige gegeben, ist der Polizist überzeugt.

Der Angeklagte und seine Freundin leugnen das. Sie habe ihm ein Geschirrtuch vor den Mund gehalten, damit er zu schimpfen aufhört, sagt die Lebensgefährtin.

"Als ich das zum fünften Mal gemacht habe, hat er plötzlich meine Hand weggestoßen." Aber berührt habe er sie nicht, geschweige denn eine Ohrfeige gegeben.

Die Staatsanwältin belehrt sie schroff, dass sie die Wahrheit sagen muss, die Frau bleibt dabei: "Die Polizisten lügen. Ich kann mir nur vorstellen, dass sie sich rächen wollen, da er sie beschimpft hat."

Bitte um Arzt oder Psychologen

Während sie behauptet, in der Wohnung um einen Arzt oder Psychologen gebeten zu haben, wollen die Einsatzkräfte davon nichts mitbekommen haben.

F. wurde jedenfalls zum Entsetzen seiner Lebensgefährtin von den mittlerweile vier Polizisten zu Boden gebracht, ehe ihm Handfesseln angelegt wurden, wobei er laut den Polizisten um sich trat.

Möglicherweise haben also alle drei Seiten das jeweils Schlimmste von den anderen angenommen, was die Situation zum Eskalieren brachte. Bevor Richterin Geiler entscheidet, vertagt sie auf unbestimmte Zeit, um zwei weitere Polizisten zu hören und einen Sachverständigen mit einem Gutachten über die Berauschung des Angeklagten zu beauftragen. (Michael Möseneder, derStandard.at, 16.9.2014)

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