Vienna Fashion Week: Bussi, baba und bis nächstes Jahr

15. September 2014, 10:00
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Ein bisschen Wehmut kommt am letzten Tag schon auf: Von kreischenden Modefans, zahnpastalächelnden Models, Fischerhüten und Sportsocken

Was für ein September-Sonntag! Der erste Schauer am frühen Nachmittag überwunden und schon ist kein Halten mehr. Auf den Stufen des Mumok quietscht die MusikarbeiterInnenkapelle über den Hof des Museumsquartiers, die blauen Enzis voll belegt, am Frozen Yogurt-Stand eine lange Schlange.

Da geht fast unter, dass auf der Straßenseite des Museumsquartiers die Modewoche ihr Zelt aufgeschlagen hat. Dort zeigen sich an Tag fünf erste Ermüdungserscheinungen. Die Security irgendwie genervt, dafür drängt an diesem Sonntagnachmittag vor allem die junge Generation ins Zelt. Und die zeigt sich von ihrer besten Seite. Das Publikum der HLMW9 Michelbeuern stößt bei jedem Kleid, das das Laufstegende erreicht, spitze Schreie aus. Ja, das kommt tatsächlich schon ganz nah ran an das, was hier die übrigen Tage gezeigt wird.

foto: thomas lerch
HLMW9 Michelbeuern

Ansonsten scheint das der Nachmittag ausdauernden Zähne-Auseinanders. Die polnische Designerin Mara Gibbucci lässt ihre Models barfüßig in nachhaltigen bunten Zipfel-Patchwork-Kleidern über den Laufsteg springen. Und die lachen dabei auch noch.

foto: thomas lerch

Die Designerin Sabine Karner wird dagegen diesmal von einem Zahnpasta-Hersteller unterstützt. Vielleicht hat ja der verlangt, dass die Models nicht nur rote Lippen, sondern auch ihr schönstes Lächeln zeigen. Dazu passt, dass Karners Kleider - abgestimmt aufs Lippenrot - eine Spielerei in Pink und Rot, in Samt und sonst was sind. Besondere Akzente werden mit Franseln und applizierten Blättern gesetzt, ein T-Shirt rutscht von der linken Schulter und ruft "Be Yourself".

foto: thomas lerch

Zum 20 Uhr-Termin kriechen nochmal die Hipster raus: Hüte, lange Mäntel, Lieblingsfarbe Schwarz. Letzte Erinnerungsfotos vor der Foto-Wand der Modewoche, dann nichts wie rein zu Franziska Michael. Die hat ihre Sommerkollektion 2015 wie Michael Michalsky schon im Juli in Berlin gezeigt. Jetzt ist sie zum wiederholten Mal in Wien dabei.

Nachdem die Frontrow endlich zusammengekratzt ist, zeigt die Designerin Pastellfarben, abenteuerliche Prints, darüber Netz-Mäntel, Fischerhüte, Baseballkappen, Sportsocken in Sneakern. Kurzum alles, was das junge Publikum tragen würde, wenn es mal Lust auf Farbe hätte. In Wien schließt Franziska Michael damit eine Lücke im Schauenplan. Allerdings interessiert das bis auf die jungen Dinger leider niemanden. Nach 12 knackigen Outfits ist wieder alles vorbei. 20 Uhr 20, draußen sorgt wieder mal ein ordentlicher Regenschauer für Abkühlung. Die Wiener Modewoche 2014, ein Wechselbad der Gefühle – Bussi, baba und bis im nächsten Jahr. (Anne Feldkamp, derStandard.at, 15.9.2014)

foto: thomas lerch
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