Eine Abstellkammer voller Selfies

14. September 2014, 18:45
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Das Medienkunstfestival Paraflows befasst sich in seiner neunten Ausgabe mit Intimität im Internetzeitalter

Welche Freude hätten Metternich und Co gehabt mit dieser Gesellschaft, in der jeder immer ein kleines Gerät dabei hat, mit dem er freiwillig sein Leben dokumentiert: Blicke, Gefühle, Meinungen - den "Status". Was immer man online auch macht, ein Button mit der an sich moralisch gut und richtig klingenden Aufschrift "teilen" ist heute niemals fern.

Fotos, die man schießt, laden sich quasi von selbst hoch in sogenannte "soziale Netzwerke". Dem zweifellos vorhandenen Potenzial der Demokratisierung stehen dabei auch bedenkliche Entwicklungen gegenüber. So etwa der bizarre Umstand, dass Einblicke zwar mitunter sehr intim sein können, die digitalen Bilder allerdings an Körperlichkeit verlieren, flüchtiger werden.

Paradox

Dieser paradoxe Sachverhalt wird einem in der raumfüllenden Installation Photoboothautograph von Marlene Haring bewusst: 38 Monitore zeigen mittels Webcam aufgenommene Zwei-Bild-Loops. Bilder, die man sonst schneller durchscrollt, als man denken kann, erhalten durch die Darstellung auf Röhrenmonitoren neues Gewicht. Aus "Selfies" wird ein penetrant-narzisstischer Schrein, der gleichzeitig auch elektrosmogverseuchte Abstellkammer ist.

Harings Arbeit ist derzeit im Künstlerhaus zu sehen: als Teil der großteils überzeugenden Ausstellung zum Medienkunstfestival Paraflows, das sich in seiner neunten Auflage mit dem Thema "Intimacy" befasst. Kuratorin Judith Fegerl hat 16 Positionen zu Fragen der Intimität und Privatsphäre im Zeitalter von Social Media zusammengestellt.

Die Übertragung von Internetphänomenen in klassische Medien ist auch bei Peter Wehinger das Konzept. Für die Installation Männer hat er sich hunderte Bilder von Geschlechtsgenossen angeschaut, die online ihr Leben respektive ihre Penisse präsentieren, und sie dann in ebenso viele Zeichnungen verwandelt.

Eindringen in Intimsphären

Sexuelle Grenzüberschreitungen sind das wiederkehrende Motiv der Schau, aber nicht das zentrale. Um das Eindringen in Privaträume geht es etwa in Michael Heindls Video The Same Old Story, das auf einer erlebten Begebenheit beruht: Als Heindl eines Tages zum seinem Auto zurückkam, spielte das Radio in voller Lautstärke. Jemand war nicht etwa eingedrungen, um etwas zu stehlen, sondern bloß, um ein Zeichen zu hinterlassen. Heindl hat im Video die für ihn verstörende Begebenheit - nun als Täter - nachgestellt.

Frankie the Documentarian Robot von Maayan Sheleff, Eran Hadas und Gal Eshel führt unterdessen Interviews mit Besuchern: Der an Wall-E und Tom Turbo erinnernde Roboter richtet Überwachungskameras auf sein Gegenüber und besteht darauf, zu erfahren, wie es ist, ein Mensch zu sein. Im "Gespräch" mit dem Apparat werden die Sprachbarrieren zwischen analog und digital spürbar - man wird auf sich selbst zurückgeworfen. Beobachter ist man hingegen bei Carolin Liebl und Nikolas Schmid-Pfähler. Die kinetische Installation Vincent und Emily lässt Intimität nur zwischen den Maschinen stattfinden: Zwei Roboter turteln. (Roman Gerold, Der Standard, 14.09.2014)

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