Elektronik-Branche: Gewinn schlägt Fairness

14. September 2014, 18:29
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"Smart" ist oft nur das Image. Just in der Elektronikindustrie spielt Nachhaltigkeit noch immer eine Minirolle

Unterschiedlicher könnten Ansprüche an die Beständigkeit eines Produktes kaum sein. Hier das neue iPhone 6, das sein Vorgängermodell bereits zwei Jahre nach der Markteinführung alt aussehen lässt. Dort ein Smartphone, das dank austauschbarer Einzelteile und robuster Bauweise eine weit höhere Nutzungsdauer haben soll.

"Fairphone" nennt sich das holländische Start-up, das nicht nur die Verlängerung eines Handy-Lebens verspricht, sondern auch die Einhaltung ethischer Mindeststandards in der Produktion. Ob diese selbstauferlegten Standards eingehalten werden oder ob die Vorstellung eines "fair" produzierten IT-Geräts eine Verblendung der Konsumenten ist, wurde seit Auslieferung der ersten Exemplare Anfang des Jahres heftig diskutiert.

Eingeschränkte Transparenz

Dabei setzen die Fairphone-Macher auf Transparenz und sagen selbst, dass sich Arbeitsverhältnisse oft nur schwer überprüfen lassen. So konnten beispielsweise nur zwei von rund 40 verarbeiteten Metallen aus zertifizierten, "konfliktfreien" Minen in der Demokratischen Republik Kongo bezogen werden. Beim überwiegenden Rest ließ sich die Herkunft nicht genau identifizieren. Komplexe Transportwege und eine Vielzahl von Zwischenhändlern machen die Nachvollziehbarkeit von Produktionswegen zu einer kaum administrierbaren Mammutaufgabe.

Kontraktfertiger

Längst kümmern sich Branchengiganten wie Apple nur noch ums Design und den weltweiten Vertrieb. Die Produktion ist an sogenannte Kontraktfertiger ausgelagert, die in China oder anderen ostasiatischen Ländern sitzen. Immer wieder kritisieren Menschenrechtsorganisationen die Arbeitsbedingungen bei diesen Zulieferern. Die Palette an Vorwürfen reicht von fehlenden Sicherheitsbestimmungen über exzessive Überstunden und Niedriglöhne bis zu Kinderarbeit.

"Die Konkurrenz unter den Produktionsstandorten führt dazu, dass bestehende nationale und internationale Gesetze nicht eingehalten werden", sagt Niclas Rydell, beim schwedischen Technik-Gütesiegel TCO zuständig für die Firmenzertifizierung. Hersteller, die das Siegel auf ihrem PC, Bildschirm, Drucker oder Smartphone sehen wollen, müssen dafür Sozial- und Umweltkriterien einhalten, die auf den Arbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und der Uno-Kinderrechtskonvention gründen.

Wider den eigenen Kodex

Zu den so zertifizierten Firmen gehören Konzerne wie Samsung, Philips und LG. Aus einem aktuellen TCO-Bericht geht jedoch hervor, dass sich viele Anbieter nicht an die Auflagen halten. 15 der 17 geprüften Hersteller verstoßen demnach gegen ihre eigenen Verhaltenskodizes und Arbeitsgesetze im Produktionsland. Die größten Missstände betreffen Arbeitszeiten und unzureichenden Gesundheitsschutz.

"IT-Produkte sind momentan viel billiger, als sie eigentlich sein sollten", so Rydell im Gespräch mit dem Standard. "Das wird sich in Zukunft ändern. Die Preise werden steigen, die Leute nicht mehr so viel wegwerfen wie jetzt." Kaum vorstellbar, angesichts des hohen Innovationsdrucks in der IT-Welt.

Nur temporäre Verbesserungen

Schon kleine Verbesserungen in der Produktionskette sind kaum durchsetzbar, das zeigt das Beispiel Fairphone. Die Fertigung der mittlerweile rund 50.000 verkauften Exemplare erfolgte bei A'Hong in China. Hier erhielten Mitarbeiter Überstundenzuschläge und einen freien Tag pro Woche - allerdings nur während der Fairphone-Produktion. Sie dauerte nur wenige Wochen. Nun sind wieder bedeutendere, weil mengenmäßig größere Hersteller am Band - unter denselben Bedingungen wie zuvor.

Dass diese Firmen noch wenig Wert auf Ökologie und die Einhaltung von Arbeitsrechten legen, geht auch aus einer Studie der Initiative "Rank a Brand" hervor, die die Nachhaltigkeitsberichte 20 global tätiger Elektronikkonzerne hinsichtlich dieser Kriterien untersuchte. Bei manchen Herstellern liege der Verdacht nahe, dass Nachhaltigkeit nicht substanziell, sondern vorrangig kommunikativ angegangen wird, resümieren die Autoren. Auf ein "faires" iPhone müssen umweltbewusste Kunden wohl noch länger warten. (Simon Moser, Der Standard, 14.09.2014)

  • Nur selten sind die in der IT-Branche vorherrschenden Arbeitsverhältnisse so nachvollziehbar wie auf diesem Bild einer Foxconn-Fabrik im chinesischen Longhua. Ausbeutung und Gesundheitsrisiken sind weitverbreitet, Kontrolleinrichtungen aufwändig und korruptionsanfällig.
    foto: reuters

    Nur selten sind die in der IT-Branche vorherrschenden Arbeitsverhältnisse so nachvollziehbar wie auf diesem Bild einer Foxconn-Fabrik im chinesischen Longhua. Ausbeutung und Gesundheitsrisiken sind weitverbreitet, Kontrolleinrichtungen aufwändig und korruptionsanfällig.

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