Kanzler in Kreiskys Schuhen: Eine Frage der Größe

Kolumne14. September 2014, 17:47
47 Postings

Zwei Gründe, warum Werner Faymann den Weltfrieden als "Chefsache" empfindet

Eine Angina hat nicht nur das ORF-Herbstgespräch mit Bundeskanzler Werner Faymann um eine Woche verschoben. Verhindert wurde durch die akute Erkrankung des SPÖ-Chefs auch der für diese Woche vorgesehene historische Start einer Ukraine-Friedensmission bei einem Treffen mit der neuen EU-Außenbeauftragten Federica Mogherini.

Das Kanzleramt hat freilich noch viel weiterreichende Pläne. Ein Aufmacher der Krone wurde wie ein Wunsch an den Nikolaus getitelt: "Faymann will mit Putin reden".

Laudator Claus Pándi wettert in einem meteorologischen Kommentar vorsorglich gegen "Spötter", die versuchen würden, "uns kleinzumachen". Also wird die "Mission" ordentlich großgeredet. Es gehe, schreibt Pándi, ja nicht nur um den Frieden, sondern auch um Fürsorge. Putin, "der Ex-Agent im Kreml, ist mittlerweile ziemlich einsam. Immer nur mit Oligarchen und Ex-Agenten zusammenzuhocken macht auf Dauer selbst den härtesten Brocken mürbe." Die Rettung: Er setzt sich mit Faymann, Christoph Leitl und Claus Pándi zusammen. Anschließend sind alle reif für eine "Moskauer Friedensdeklaration".

Mindestens zwei Gründe mag es geben, warum der zum Außenpolitiker mutierte Kanzler den Weltfrieden als "Chefsache" empfindet. Erstens die von internationalen Medien hochgeschriebenen, aber auch tatsächlich recht erfolgreichen Auftritte des ÖVP-Außenministers Sebastian Kurz (zuletzt in Potsdam mit einer Laudatio für den Ex-Boxchampion und Kiewer Bürgermeister Witali Klitschko).

Der zweite Grund ist die Erinnerung an den internationalen Rang und den Einfluss des Faymann-Vorgängers Bruno Kreisky. Der Dominator der Siebziger- und Achtzigerjahre war ein Akteur in der Nahostpolitik, aber im Verein mit seinen Freunden Willy Brandt (deutscher Kanzler) und Olof Palme (schwedischer Premier) ein Beweger zwischen West und Ost. Kreiskys (in Handarbeit hergestellte) Schuhe sind Faymann mit Sicherheit zu groß. Und auch die außenpolitische Rolle, die Franz Vranitzky für Österreich statt des diskreditierten Bundespräsidenten Kurt Waldheim spielte, ist für ihn nicht ausfüllbar.

Sebastian Kurz hat recht geschickt reagiert und Faymann "die Infrastruktur" seines Ministeriums zur Verfügung gestellt. Vielleicht gibt er dem Kanzler auch noch ein paar Drohnen mit auf den Weg, die der OSZE bei der Überwachung der Ostukraine helfen sollen, deren teure Anschaffung aber das Bundesheer auf die Palme bringt.

SPÖ und ÖVP haben, offenbar als Vorleistung für das Gelingen der Friedensmission, erreicht, die russischen Banken in Wien von den EU-Sanktionen auszunehmen. Zusätzlich wird laut Krone "Unterstützung aus den Nachbarländern signalisiert". Viktor Orbán, der Wladimir Putin zu einem seiner Vorbilder ernannt hat, war von Anfang an gegen jede Art von Sanktionen.

Sollte Faymann - nach seiner Genesung - tatsächlich Erfolg haben, würden wir der Dichand-Zeitung einen süffigen Aufmacher nicht neiden:

"Dank Faymann-Initiative dreht Putin Gashahn voll auf" (Gerfried Sperl, DER STANDARD, 15.9.2014)

Share if you care.