Kampf gegen Klimawandel: Jetzt oder nie

14. September 2014, 17:27
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Wird weiter nichts gegen den Klimawandel getan, werden Ungleichgewichte und Migrationsströme zunehmen. Im nächsten Jahr gibt es Chancen, endlich gegenzusteuern

Die Würfel des Lebens fallen schon vor der Geburt. Wo ein Kind geboren wird, ob es ein Bub oder ein Mädchen ist, was sich die Eltern leisten können, diese und andere Faktoren bestimmen die gesunde körperliche Entwicklung, den Schulabschluss, den späteren Wohlstand. Sicher mag es Ausnahmen geben, aber für zu viele Menschen steht im Buch ihres Lebens, dass ihnen das Tor zu Wohlstand, zu höherer Bildung, ja sogar zu ausreichender Nahrung verschlossen bleibt.

Ein Blick in die Krisenregionen genügt. Im Nahen Osten, in der Ukraine, im Mittleren Osten, in großen Teilen Afrikas herrscht Krieg und Unruhe. Immer noch stirbt alle sieben Sekunden ein Kind an den Folgen des Hungers. Neue Seuchen treten auf, und die alten sind noch längst nicht ausgerottet.

Kein Wunder also, wenn immer mehr Menschen versuchen, in die Wohlstandsregionen zu fliehen. Die gute Nachricht ist, dass sich diese rascher ausbreiten als die Problemregionen. Aber zu welchem Preis?

Auf dem Rücken der Ärmsten

Destabilisierung des Klimas, Ausbeutung von Naturressourcen und Arbeitskräften, Kredite auf die Zukunft sind die Kosten, die wir zahlen müssen. Derzeit entwickelt sich die Welt auf dem Rücken jener weiter, die sowieso kaum vom Wohlstand profitieren: der Ärmsten der Welt, die um Wasser, Brot und das tägliche Überleben kämpfen müssen; der Frauen und Mädchen, die noch immer durch rechtliche und soziale Hürden von jeder Partizipation getrennt sind; und der Millionen junger Menschen, die kaum Jobs finden und in eine wirtschaftlich unsichere Zukunft blicken.

Die globalen Ungleichheiten zu reduzieren muss daher das vorrangigste Interesse von uns allen sein. Die offenkundigen Probleme, die wir lösen müssen, liegen auf der Hand. Wir in den Industriestaaten verbrauchen ein Vielfaches an Energie, verglichen mit den Entwicklungsländern. Jeder fünfte Mensch auf der Welt hat bis heute überhaupt keinen Zugang zu Strom. Die Folge ist, dass die Treibhausgasemissionen, verglichen mit den ärmsten Ländern, bei uns zehnmal, in den USA sogar 20-mal so groß sind.

Alle Klimamodelle kommen zu demselben Ergebnis: Die armen Länder werden von den Folgen der Klimakatastrophe härter getroffen als wir, die wir ihn provozieren. Ganz zu schweigen, dass es ohne einen vernünftigen Zugang zur Elektrizität auch keinen Zugang zu Bildung, Jobs, Information und Wohlstand gibt. Eine Erkenntnis, die schon Lenin hatte.

Schlüsselfaktor Bildung

Bildung ist jedoch der Schlüsselfaktor für jegliche Prosperität und auch für das Entkommen aus der Armutsfalle. Wir nähern uns zwar allmählich dem Ziel, den Analphabetismus auszurotten, aber wenn wir anfangen, Qualitätsmaßstäbe für Bildung anzulegen, dann wird der Problemberg, den wir noch erklimmen müssen, sichtbar.

Im nächsten Jahr tut sich eine echte Chance auf, die Weichen in die Zukunft richtig zu stellen: Von 12. bis 15. Juli 2015 findet in Addis Abeba die internationale Konferenz für die Finanzierung einer nachhaltigen Entwicklung in den armen Ländern der Welt statt. Danach muss die Uno im September neue Millennium-Entwicklungsziele festlegen, wobei jetzt schon feststeht, dass die Nachhaltigkeit das zentrale Element des neuen Zielbündels sein wird. Im Dezember wird die Klimakonferenz in Paris wohl endgültig zeigen, ob die Welt bereit ist, die notwendigen politischen Entscheidungen gegen die Überhitzung der Erde zu treffen.

Was nicht passieren darf, ist, der Politik die Ausrede zu erlauben, dass die Themen noch nicht reif für eine Entscheidung wären. Genau das zu verhindern ist die Ambition des Europäischen Forums Alpbach und des Internationalen Instituts für Angewandte Systemanalyse in Laxenburg.

Alpbach-Laxenburg-Gruppe

Der neugebildeten Alpbach-Laxenburg-Gruppe ist es gelungen, internationale Topexperten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Kultur zusammenzubringen, die gemeinsam mit den wissenschaftlichen Analysen der IIASA entscheidende Inputs für diese Konferenzen liefern wollen, wie die Ungleichheiten in der Welt reduziert werden können.

Nur wenn es zu einem koordinierten Zusammenspiel von Wissenschaft, Technik und Wirtschaft kommt und zu tiefgreifenden Entscheidungen der Politik, in die auch die Zivilgesellschaft involviert ist, nur dann wird die Welt den Weg in Richtung eines vernünftigen Gleichgewichts zwischen Ökonomie, Ökologie und Sozialem einschlagen. (Franz Fischler und Pavel Kabat, DER STANDARD, 15.9.2014)

Franz Fischler ist Präsident des Europäischen Forums Alpbach. Der 1946 geborene Tiroler war unter anderem österreichischer Landwirtschaftsminister und EU-Agrarkommissar.

Pavel Kabat ist Generaldirektor des Internationalen Instituts für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg. Der 1958 geborene Prager ist Mitautor von Berichten des UN-Klimarats IPCC.

  • Ein Hirte geht im trockenen Bett des Flusses Himayat Sagar in Hyderabad, der Hauptstadt des indischen Bundesstaates Andhra Pradesh.
    foto: ap / mustafa quraishi

    Ein Hirte geht im trockenen Bett des Flusses Himayat Sagar in Hyderabad, der Hauptstadt des indischen Bundesstaates Andhra Pradesh.

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