Schneller Tod auf türkischen Baustellen

15. September 2014, 11:31
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Sicherheitskontrollen privatisiert - Empörung über Baumagnaten und Regierung

Istanbul - Jetzt wird dichtgemacht. Eine Woche nach dem Unglück schrauben Arbeiter die letzten meterhohen Pressspanplatten um diese Goldgrube in Istanbul. Niemand soll mehr hineinschauen können auf die Großbaustelle mit den zwei Luxuswolkenkratzern.

Eine Million Dollar für die kleinste Wohnung war der letzte Stand, der Ausblick muss atemberaubend sein: Bosporus, Marmarameer, Istanbuls Moscheen und die endlos ausufernde Stadt von 14 Millionen Menschen. Aber jetzt ist es totenstill auf der Großbaustelle. Nur die Akkuschraubenzieher an den Spanplatten jaulen. "Der Arbeits- und Sozialminister muss sofort zurücktreten", sagt Berker Yavuz, Architekt und im Vorstand der neuen Gewerkschaft der Bauarbeiter.

Keine Stopper

Samstag, 6. September, kurz vor sieben Uhr am Abend: 32 Stockwerke tief rast der Aufzug, Zeit genug für die zehn Arbeiter in der Kabine, um dem Tod entgegenzusehen. Es gibt keine Stopper im Schacht und auch nicht den Fallschirm, der vorgeschrieben wäre. Die zehn Männer werden zerschmettert von der Wucht des Aufpralls am Boden und dem tonnenschweren Baumaterial, das sie zum Schichtende in den Lift gehievt haben. Sie haben wohl die Lastgrenze des Aufzugs überschritten, mutmaßt Aziz Torun, Chef des Torunlar-Konzerns.

Torun, einer der Bau-Milliardäre der Türkei, rühmt sich, mit Tayyip Erdogan gemeinsam morgens auf dem Boot zur Schule gefahren zu sein. Aber der Aufzug auf seiner Großbaustelle ist schon vor einem Monat einmal abgestürzt; damals konnten ihn die Arbeiter noch stoppen. Vier Verantwortliche sind mittlerweile wegen fahrlässiger Tötung verhaftet worden. Seit mehr als einem Jahr soll es keine Inspektionen auf der Baustelle gegeben haben. Torunlar und allen anderen Bauunternehmen, die tödliche Unfälle provozieren, sollte die Lizenz entzogen werden, fordert Yavuz, der Gewerkschafter.

Hinter China und Indien

Denn auf türkischen Baustellen stirbt man schnell. 272 tödliche Unfälle hat eine Gewerkschaftervereinigung, das "Parlament für Gesundheit und Sicherheit der Arbeiter", bis jetzt allein in diesem Jahr gezählt. Weiters kamen 301 Minenarbeiter im Mai bei dem schwersten Grubenunglück in der Türkei ums Leben. In Europa führt die Türkei die Statistiken der tödlichen Unfälle am Arbeitsplatz an, weltweit steht sie an dritter Stelle hinter China und Indien.

"Es gibt keinen Schutz für die Gesundheit und Sicherheit der Arbeiter in der Türkei", sagt Gürsel Tekin, Generalsekretär der sozialdemokratischen CHP, dem Standard. "Jedes Jahr verlieren mehr als 1000 Arbeiter ihr Leben, weil entscheidende Vorsichtsmaßnahmen und die Kontrolle durch die Regierung fehlen", erklärt der Oppositionspolitiker. Die wirtschaftsliberale AKP-Regierung betrachte vor allem die Beschäftigten in dem seit Jahren boomenden Bausektor der Türkei als "Arbeitstiere": "Die Arbeiter sind nur als ein Rohstoff neben anderen behandelt worden, und ihre Sicherheit galt als zu teuer."

"Ich mahne sie jeden Tag"

Dogan sitzt in einem Café, telefoniert und kippt ein Glas Tee nach dem anderen hinunter. Das Poltern der Erde, die ein Bagger in den Tieflader schüttet, ist bis hier zu hören. Der 35-jährige Sohn eines Multiunternehmers lässt gerade eine Baugrube für ein Hochhaus ausheben: acht Stockwerke, 15 Wohnungen. Das übliche Bild in diesen Monaten in Feneryolu, einem Stadtteil auf der asiatischen Seite von Istanbul, nahe dem Fenerbahce-Stadion. Sicherheit für die Arbeiter, die bald schon das neue Haus hochziehen? Findet er wichtig, sagt Dogan. "Ich rede selbst mit ihnen, ich mahne sie jeden Tag." Und dann erklärt Dogan, warum die Sicherheitskontrollen in der Türkei nicht mehr funktionieren.

Seit einer Gesetzesänderung 2012 sind die Kontrollen von Baustellen auf private Unternehmen übertragen worden. "Sicherheitsfirmen" sind seither aus dem Boden geschossen. "Ich zahle sie als Unternehmer", sagt Dogan, "und sie wissen: Wenn sie mich ärgern, kündige ich ihren Vertrag." Besser wäre es, wenn staatliche Ärzte und Inspektoren wieder die Kontrollen übernähmen, gibt er zu.

18 Euro am Tag

Ein paar Straßen weiter in Feneryolu macht ein Arbeiter einer anderen Baustelle Pause. Umgerechnet 18 Euro am Tag verdient er. Von Kontrollen weiß er nichts: "Ich bin seit einem Monat hier. Ich habe niemanden gesehen." (Markus Bernath aus Istanbul, DER STANDARD, 15.9.2014)

  • 32 Stockwerke im freien Fall: Die Bauarbeiten für Luxuswohnungen im Zentrum von Istanbul wurden vorerst gestoppt.
    foto: markus bernath

    32 Stockwerke im freien Fall: Die Bauarbeiten für Luxuswohnungen im Zentrum von Istanbul wurden vorerst gestoppt.

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