Verstehen, wenn's drauf ankommt: Von der Wasserpest bis zum Alarm

15. September 2014, 05:30
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Nicht nur klassische Sprachkurse sollen Verständigung verbessern

Hardegg - Auf die ersten Tschechisch-Schnupperkurse flogen die Hardegger regelrecht. Doch die Euphorie verebbte in den Mühen der Ebene. Sprachlehre nach Gießkannenprinzip - ein bisschen Tschechisch-Grundkurs für alle - ist bei den Erwachsenen nicht mehr so verbreitet. Für Schüler in Retz steht Tschechisch aber auf dem Stundenplan, sprachgeschnuppert wird auch im Kindergarten- und Volksschulalter, beispielsweise in der kleinen Stadt Hardegg.

Insgesamt lernen 2824 Schülerinnen und Schüler in fast 100 Schulen in der niederösterreichischen Grenzregion Tschechisch, 610 Kinder büffeln Slowakisch und 509 Ungarisch. Als Lehrende fungieren dabei vor allem Muttersprachler. Auch in dutzenden Kindergärten werden diese drei Sprachen im Zuge der sogenannten "Sprachoffensive" angeboten, heißt es von der Niederösterreichischen Landesakademie. Derzeit arbeite man vor allem an einem durchgängigen Lehrangebot beim Übergang vom Kindergarten in die Volksschulen. Über die Kurse und Freifächer hinausgehend finden Projekte statt, bei denen Schulen ihre Partnerschulen über der Grenze besuchen und umgekehrt.

Bei einer aktuellen Umfrage der Landesakademie gab die Hälfte der befragten Niederösterreicher an, die Schulen würden die Jugend auf die Anforderungen eines grenzüberschreitenden Wirtschafts- und Arbeitsraumes ziemlich gut vorbereiten.

Spezifische Projekte

Neben dem Angebot typischer Sprachkurse vor allem für die Jüngeren versucht man auch, in Projekten spezifischeres Wissen für spezielle Berufe und Situationen zu vermitteln. So wurde eine ganze Sprachführer-Reihe herausgebracht: Sie behandelt Gesundheitswesen, Wirtschaft, Sicherheitswesen (etwa für Polizei, erste Hilfe), Tourismus und Natur.

Den Sprachführer Natur haben unter anderem die Nationalparks Thayatal und Podyjí erarbeitet. In Nationalparks gelten zum Schutz der Fauna und Flora diverse Verhaltensregeln: So sind beispielsweise im Nationalpark Thayatal Hunde an der Leine zu führen. Im benachbarten Park in Tschechien ist wiederum das Fischen deutlich weniger streng reglementiert. Woher sollen die Spaziergänger aber über all das Bescheid wissen?

Trifft man einen Parkranger an und kann sich mit diesem nicht in der gleichen Sprache verständigen, dann soll der Sprachführer ein wenig weiterhelfen. Auch für einen Dialog mit Parkbesuchern anderer Muttersprache soll er eine Grundlage bilden. Darin finden sich auch so spezielle Wörter wie Fischereirevier (rybárský revír) und Wasserpest (vodní mor), wie auch Kräuterwanderung (vycházka za bylinkami), Schwimmen gehen (jít si zaplavat) oder Guten Abend! (Dobrý vecer!).

Vorbereiten auf die Praxis

Darüber hinausgehend läuft in der österreichisch-tschechischen Grenzregion das Projekt "Edu.Region", das Schüler auf das Arbeiten in den tschechischen Nachbarregionen vorbereiten soll. Dabei geht es dann vor allem darum, kulturelles Wissen zu erlangen und Kontakte zu pflegen. Mithilfe von Feriencamps- und praktika sollen junge Leute erfahren, welches spezifische Landeswissen da für heimische Firmen von Interesse sein kann.

Seit einigen Jahren arbeiten auch die Feuerwehren grenzüberschreitend zusammen. Initialzündung für eigens veranstaltete Sprachtrainings war der Brand im Einkaufszentrum Excalibur City im Dezember 2006. Damals wollten tschechische und niederösterreichische Feuerwehren die Gefahr auf unterschiedliche Weise bekämpfen. Sprachprobleme sorgten für brenzlige Situationen. Geld für die Nachhilfe kam vom Land Niederösterreich und zur Hälfte aus EU-Fördertöpfen.

Inzwischen finden im Feuerwehrhaus keine Sprachkurse mehr statt. Man vertraut darauf, dass die Einsatzkräfte bei gemeinsamen Stammtischen ihre Sprachkenntnisse vertiefen. Ob sie dabei freilich die Vokabeln für "Brand aus", Spitzhacke, Lampe oder Tragkraftspritze wiederholen, sei dahingestellt. "Alarm" ist aber immerhin ein Wort, das in beiden Sprachen verstanden wird. (spri, DER STANDARD, 15.9.2014)

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