Hardegg: Wo die Welt zu Ende war

15. September 2014, 05:30
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Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs hofften die Bürger an der tschechisch-niederösterreichischen Grenze auf eine Wiederbelebung - bis heute

Hardegg - Könnte die Thayabrücke sprechen, sie wüsste in tschechisch-deutschem Kauderwelsch unzählige Geschichten zu erzählen. Von Trennendem und Verbindendem, von Wildkatzen, langen Schulwegen, Sommerfrischlern und Abwanderung. Seit 140 Jahren beschwert das Eisenkonstrukt vier stämmige Steinpfeiler, die der Grenzfluss zwischen dem heutigen Tschechien und Österreich umspült. Es spendet den Forellen unter seiner 72 Meter langen Querung Schatten und bohrt sich in Hardegg in niederösterreichische Erde, während sein anderes Ende bei Cízov in tschechischem Boden ruht.

Unzählige Geschichten kennt auch Alfred Hirsch. Als der heute 84-Jährige ein Kind war, pachteten die Hardegger "drüben" noch Felder, und der Ort am Nordrand des Weinviertels lockte in Scharen Urlauber und Fischer an. Heute ist der Fluss wegen täglicher Flutungen vom Staudamm zu kalt zum Schwimmen. Der Bau von Wehren hat die Fischpopulation schrumpfen lassen. Und die kleinste Stadt Österreichs, deren 1380 Einwohner sich auf neun Ortsteile verteilen, kämpft mit Problemen, mit denen sich viele Gemeinden herumschlagen, die in der sogenannten Peripherie liegen: Abwanderung, Mangel an Arbeitsplätzen, kaum Nachwuchs.

Planken von der Brücke gerissen

Hirschs Familie bestellte einst einen der Äcker am anderen Ufer der Thaya. Schon seine Großmutter hatte dort Erdäpfel und Gerste angebaut. Auch im Frühjahr 1945 säte die Familie noch die Samen. Doch geerntet wurde nicht mehr. Die Tschechen hatten in der Zwischenzeit die Holzplanken der Brücke bis zur Flussmitte, durch die die Staatsgrenze verläuft, heruntergerissen. Es begannen Zeiten, in denen man sich im Ort düstere Geschichten von verhafteten Fischern erzählte und über die Baumwipfel hinweg die Lautsprecherdurchsagen der nahegelegenen Kolchose hörte. Das heutige Tschechien schrumpfte am österreichischen Ufer zu dem, was von der anderen Flussseite aus erkennbar war: ein bewaldeter Hügel, durch den Grenzwachebeamte streiften. Hinter der Hügelkuppe spannte sich der Stacheldrahtzaun.

Dass hinter dem Wald in nur wenigen Kilometern Entfernung eine heute rund 36.000 Einwohner zählende Stadt lag, hat Heribert Donnerbauer lange nicht gewusst. Der heutige Bürgermeister Hardeggs und ehemalige Nationalratsabgeordnete (ÖVP) besuchte Znaim erst im Alter von 25 Jahren - und war verblüfft über die Existenz einer so großen Stadt in unmittelbarer Nähe.

Anders Alfred Hirsch: Der spätere Schuster und Postler fuhr bis in den Krieg mit Bus und Zug nach Znaim zur Schule. Als der Eiserne Vorhang fiel, habe ihn sogar jemand von damals noch wiedererkannt. An dem Tag, als die Grenze aufging, kletterten die Menschen über das nackte Brückengestell herüber. Einige seien mit großen Augen vor der Bäckerei am Hauptplatz verharrt. Frauen hätten unter ihren Schürzen "Pivo" herüberschmuggelt und das Bier um zehn Schilling verkauft. Ein Vierteljahrhundert später erzählten die Leute einander derlei Anekdoten, als die benachbarten Gemeinden und die ineinander übergehenden Nationalparks Thayatal und Podyjí zum Jubiläum auf der Brücke ein Picknick veranstalteten - mit Mai 2014 des Wetters wegen etwas verfrüht.

Die Öffnung der Grenze habe vor allem in den Köpfen der Leute etwas geändert, sagt Bürgermeister Donnerbauer: "Bis dahin war hier die Welt zu Ende." Die Erwartungen, die nach 1989 "teils geschürt wurden, haben sich nicht alle erfüllt". Der 49-Jährige hofft, dass die Einwohnerzahl wieder ansteigt. Als die Brücke in Hardegg errichtet wurde, zählte die Stadt noch über 3000 Einwohner. In den vergangenen Jahren kamen nach gut einem Jahrzehnt erstmals wieder zwei Kinder in Hardegger Familien zur Welt. Für die Bürger seiner Gemeinde sei nun "zumindest klar, dass man Kindergarten und Volksschule im Ort braucht".

Der Kindergarten liegt im Ortsteil Pleissing an der B30. Seit ein paar Jahren gibt eine Tschechin dort regelmäßig Sprachunterricht für die Kleinen. Auch zwei Kinder aus Tschechien besuchen die Betreuungsstätte. Die Mutter eines Buben habe sich schon erkundigt, ob ihr Sohn dann auch in die Volksschule in Hardegg gehen darf, sagt Schulleiterin Sonja Ziegler. Seit vergangenem Herbst unterrichtet die Tschechischlehrerin einmal wöchentlich auch in der Volksschule. Die Kinder seien "alle begeistert bei der Sache", erzählt Ziegler. Unter den erwachsenen Hardeggern ist Tschechisch nicht gerade verbreitet. Die meisten beherrschen gerade einmal ein paar Brocken. Dabei seien die ersten Zehn-Stunden-Kurse im Ort geradezu überrannt worden, sagt Donnerbauer. "Die Sprache ist dann aber doch recht schwierig", gibt er zu. Viele Tschechen würden aber sehr gut Deutsch beherrschen.

Pufferzone vor Eisernem Vorhang

Bei den Arbeitsgesprächen zwischen den Leitern der Nationalparks Thayatal und Podyjí sind Dolmetscher dabei. Ludwig Schleritzko leitet den Park in Österreich - eine wichtige Touristenattraktion der Region. Die Biodiversität, die hier auf relativ kleinem Raum zu finden ist, verdankt der Park teilweise der Zeit des Eisernen Vorhangs: Der Waldhang zur Thaya diente auf der heute tschechischen Seite als Pufferzone bis zum Stacheldrahtzaun. Schon 1991 erklärte Tschechien das Areal zum Nationalpark, die österreichische Zone ist es seit dem Jahr 2000. Die Nationalparks planen gemeinsam Forschungsprojekte, etwa über das Fischvorkommen. Außerdem träumt man von einer zweiten Brücke über den Fluss für einen gemeinsamen Rundwanderweg.

Die alte Fußgängerbrücke stellt die einzige Landverbindung der zwei Nationalparks dar. Auf ihr könnte man heute beinahe übersehen, wo genau man über die Grenze tritt. Wäre da nicht das Brückengeländer: Sein türkiser Lack auf der einen und grüner Lack auf der anderen Geländerhälfte verrät, dass man sich in den zwei Ländern bis heute nicht auf einen Farbton geeinigt hat. (Gudrun Springer, DER STANDARD, 15.9.2014)

  • Die Thayabrücke von Hardegg bei einer Feier im Mai 2014.
    foto: nationalpark thayatal / christian übl

    Die Thayabrücke von Hardegg bei einer Feier im Mai 2014.

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