Der Westen ist an allem schuld! Immer!

Blog14. September 2014, 16:52
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Wenn das Ressentiment die politische Analyse ersetzt

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Die Welt ist aus den Fugen geraten, und viele in den Beobachterrängen sind sich gewiss: Der Westen ist an allem schuld - letztendlich, so irgendwie. An der Ukraine-Krise ist ohnehin der Westen total schuld. Und am Chaos in Nahost ist er auch voll schuld. Hat der Westen nicht jahrzehntelang Potentaten gestützt? Eben. Hat er dann aber nicht die schützende Hand von den Potentaten gezogen, um die arabische Demokratiebewegung zu unterstützen? Gleichfalls eben! Hat diese nicht gerade Chaos in die Region gebracht? Ist Amerika nicht in einer Mesalliance mit Saudi-Arabien, ist der Westen nicht auf gute Beziehungen mit Katar bedacht? Natürlich!

Daher ist er natürlich auch irgendwie für die Finanzierung der IS verantwortlich. Und Bushs Einmarsch im Irak hat ja das Machtvakuum im Irak erst aufgerissen. Folglich ist die IS schon ein bisschen schlimm, aber noch viel schlimmer ist natürlich der Westen, der diese Leute erst produziert hat. Mit großer, langfristig geplanter, gefinkelter, verschwörerischer Planung hat er das gemacht, der Westen. Oder, wenn's grad besser passt, einfach durch planlose Dummheit. Natürlich ist nichts an dem völlig falsch. Man kann in der Geschichte immer eine oder sogar mehrere Aktionen westlicher Außenpolitik finden, die - "irgendwie" - ursächlich für die jeweiligen aktuellen Probleme sind.

Wenn man unbedingt will. Wenn man ganz unbedingt will.

Man kann aber auch die Augen öffnen und sich klar werden, wie dumm ein derart versimpeltes Weltbild ist, in dem "dem Westen" stets, immer und unabhängig von der Wirklichkeit die Rolle des Schurken zugedacht ist. (Robert Misik, derStandard.at, 14.9.2014)

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