Die schwarze Fahne der IS-Miliz

15. September 2014, 11:54
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Politiker fordern Verbot von "IS-Fahnen". Doch der "Islamische Staat" setzt geschickt Symbole ein, die tief in der islamischen Geschichte verwurzelt sind

Wien - Innenministerin Johanna Mikl-Leitner, Justizminister Wolfgang Brandstetter und Vizekanzler Reinhold Mitterlehner (alle ÖVP) haben am Montag ein Maßnahmenpaket gegen Extremismus vorgestellt. Der Verhetzungstatbestand wird ausgeweitet - er soll künftig schon dann zur Anwendung kommen, wenn die getätigten Aussagen vor nur rund zehn Personen fallen.

Neben einer Reihe anderer Maßnahmen planen die ÖVP-Minister auch eine Verschärfung des Abzeichengesetzes. Dieses sieht vor, dass die Symbole und Abzeichen von Organisationen wie IS und Al Kaida nicht mehr öffentlich gemacht werden dürfen.

Die deutsche Regierung hat bereits vergangene Woche der radikalislamischen Organisation alle Aktivitäten in Deutschland verboten. Das Verbot betreffe jede Beteiligung an der IS, auch Propaganda in sozialen Medien und das Tragen von Kennzeichen.

Damit folgt sie einer in Medien und Öffentlichkeit oft gestellten Forderung: dem Verbieten von "IS-Fahnen", "IS-Logos" und "IS-Symbolen". Doch was sind "IS-Symbole" eigentlich? Die Kämpfer der IS schwenken weder Fahnen mit der Bezeichnung "Islamischer Staat" noch ein einzigartiges Logo, sondern eine schwarze Fahne mit zwei arabischen Schriftzügen.

foto: reuters/stringer
Auf Fahrzeugen, Gebäuden und Uniformen findet sich die schwarze Fahne mit weißer Schrift in der von IS kontrollierten syrischen Stadt Raqqa wieder.

Zwar verwendet IS diese Symbolik durchgängig für alle Gebäude, Fahrzeuge, Uniformen und in Propagandavideos, doch sind die IS-Kämpfer nicht die einzigen, die sich dieser Fahnen bedienen: Fundamentalistische Gruppen in Libyen, Tunesien, Ägypten und im Jemen verwendeten die heute als "IS-Symbole" bezeichneten Fahnen schon vor geraumer Zeit:

foto: mohammad hannon/ap/dapd
Demonstranten halten eine Fahne hoch, die oft als "IS-Flagge" bezeichnet wird. Es sind jedoch keine Kämpfer der irakisch-syrischen Miliz IS, sondern Anhänger der islamistischen Gruppe Ansar al-Sharia in Libyen, die dieselbe Symbolik verwenden.
foto: reuters/anis mili
Ein Junge in der tunesischen Stadt Kairouan schwenkt bei einer Demonstration von Fundamentalisten 2012 eine Fahne mit der Symbolik, die heute auch von der IS in Syrien und im Irak verwendet wird.
foto: epa/stringer
Kämpfer der "Al-Kaida auf der arabischen Halbinsel", einem regionalen Ableger der von Osama Bin Laden gegründeten Organisation im Jemen, mit einer schwarzen Fahne. Die Al-Kaida-Führung steht in offener Feindschaft zu den Kämpfern des "Islamischen Staates".

Der Ursprung der von der IS verwendeten Symbolik liegt tief in der islamischen Geschichte: Überlieferungen zufolge verwendete der Prophet Mohammed zwei Fahnen, einerseits eine unbeschriftete weiße Fahne, andererseits eine ebenfalls unbeschriftete schwarze Fahne, die den Namen Rayat al-Uqab ("Fahne des Adlers") trug. Nach dem Tod des Propheten verwendeten zunächst seine unmittelbaren Nachfolger, die "rechtgeleiteten Kalifen", dann unterschiedliche Dynastien die Farben weiter.

Suche nach Legitimität

Islamische Bewegungen griffen die schwarze Fahne im Lauf der Geschichte immer wieder auf. Jihadistische Gruppen, die das frühe islamische Zeitalter idealisieren, begannen die Symbolik im 21. Jahrhundert in Propagandavideos zu verwenden und entwickelten sie weiter. Im Fall der IS wurden der schwarzen Fahne die beiden Teile der Shahada, des islamischen Glaubensbekenntnisses, hinzugefügt. Der erste Teil - "Es gibt keinen Gott, außer (den einen) Gott" - steht in weißer Schrift im oberen Teil der Fahne; der zweite Teil der Shahada - "Mohammed ist der Prophet Gottes" - wurde in Form des Siegels des Propheten, das Mohammed in seiner Korrespondenz verwendete, hinzugefügt.

Es ist eine Symbolik, die der IS die gewünschte Legitimität und den Anspruch, ein Staat für alle Muslime zu sein, verleihen soll. Wohl nicht ohne Kalkül, denn gleichzeitig sind es Symbole, gegen die auch gemäßigte Muslime letztlich nichts vorbringen können, da sowohl die schwarze Fahne als auch das islamische Glaubensbekenntnis und das Siegel des Propheten im Islam als historisch belegt und als legitime Symbole angesehen werden.

Um das zu untermauern, veröffentlichte die Gruppe "Islamischer Staat im Irak" (ISI), der Vorgänger der heutigen IS, Anfang 2007 ein Dokument, in der sie die "Legitimität der Fahne des Islams" darlegten. Darin behaupteten die Extremisten unter Berufung auf islamische Gelehrte, die verwendete Fahne sei sogar eine exakte Kopie der Fahne des Propheten Mohammed.

burn isis

Im Libanon wurden User dazu aufgerufen, Fahnen, die IS verwendet, zu verbrennen.

Wer also die Fahne, die die IS verwendet, verbietet (bzw. sogar verbrennt, wie dies derzeit Aktivisten im Libanon machen), verbannt kein einzigartiges Logo der IS, sondern im Kern nur eine Kombination des islamischen Glaubensbekenntnisses, das für alle Muslime von entscheidender Bedeutung ist. Wahrscheinlich ist, dass sich die Propaganda der IS das geschickt zunutze machen wird, um ihr Narrativ - nämlich dass der Westen nicht gegen Extremisten, sondern gegen den Islam kämpft - zu stärken. (Stefan Binder, derStandard.at, 15.9.2014)

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