Der Ölfluch bedroht Schottland

Blog13. September 2014, 17:44
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Rohstoffreichtum ist das stärkste Argument für die Unabhängigkeit – doch er würde die neue Nation nur arm machen

Der Öl- oder Ressourcenfluch ist einer der wichtigsten ökonomischen Erkenntnisse der vergangenen zwei Jahrzehnte. Der Begriff stammt vom Ökonomen Richard Auty von 1993 und besagt: Rohstoffe und vor allem Öl und Gas machen Länder nicht reich, sondern arm, weil sie die wirtschaftliche Entwicklung bremsen.

Länder mit einem sehr hohen Rohstoffanteil am Nationaleinkommen leiden meist unter überbewerteten Währungen, die andere Exporte erschweren (die sogenannte holländische Krankheit), Korruption, besonders große Ungleichheit, autoritäre Regierungen, politische Instabilität bis hin zu Bürgerkriegen und anderen militärischen Konflikten.

Nun kommt ein neues Problem dazu: Ölreichtum kann Regionen in den Irrglauben führen, sie wären nach einer Unabhängigkeit besser dran. Man muss gar nicht das Beispiel Südsudan anführen, das ohne die Ölquellen auf seinem Gebiet vielleicht doch keine Eigenstaatlichkeit gesucht hätte und heute das schlimmste Armenhaus Afrikas ist. Auch Schottland könnte am Donnerstag dieser fatalen Logik folgen.

Das wahlentscheidende Argument

Wenn sich die Mehrheit der Schotten sich am kommenden Donnerstag tatsächlich für die Unabhängigkeit entscheiden, dann sind die Bohrtürme in der Nordsee ein, vielleicht das wahlentscheidende Argument.

Ohne Öl und Gas wäre die Unabhängigkeitsbewegung nie so groß geworden. „Wir wollen selbst über unseren Rohstoffreichtum verfügen und ihn nicht mit den restlichen Briten teilen“, erschallt es ständig zwischen Edinburgh und Glasgow.

Und niemand ist da, um den Schotten zu sagen – oder niemand will es hören: Das Öl wird euch nicht reich machen, sondern arm.

Fördermengen werden schrumpfen

Erstens werden die Fördermengen in den kommenden Jahren schrumpfen und die Quellen schließlich völlig versiegen. Zurück bleiben nur riesige Anlagen, die um Milliardenkosten saniert und abgebaut werden müssen.

Aber selbst wenn die optimistischsten Prognose für die Öl- und Gasproduktion sich bewahrheiten und Schottland noch Jahrzehnte große Mengen fördern und exportieren kann – der schottischen Wirtschaft wird es sicher nicht guttun.

Prestigebauten und Sozialausgaben

Nein, Bürgerkrieg ist nicht zu erwarten. Aber wahrscheinlich werden zukünftige Regierungen die Einnahmen nicht beiseitelegen oder in zukunftsträchtige Industrien investieren, sondern einige Prestigebauten finanzieren und damit ihr schon jetzt großzügiges Sozialsystem weiter ausbauen. Das schafft kein nachhaltiges Wirtschaftswachstum.

Und wenn der Ölpreis sinkt, was immer wieder passiert, dann werden neue Schulden aufgenommen – in der Erwartung, dass man das schon wieder zurückzahlen kann.

Arbeitsplätze gibt der Energiesektor wenig her, bloß Steuereinnahmen, um Arbeitslosengeld zu bezahlen. Ein Ölstaat neigt daher immer dazu, eine hohe Arbeitslosigkeit zu tolerieren bzw. durch Sozialhilfen zu verstecken. Das schafft neue soziale Probleme.

Norwegen ist anders

Die schottischen Nationalisten träumen davon, ein zweites Norwegen zu werden, das mit seinem Energiereichtum bisher sehr vernünftig umgegangen ist. Aber selbst dort ist sich die politische Führung bewusst, dass der Ölboom langsam zuende geht. Und Norwegen hat in den vergangenen Jahrzehnten rund 660 Milliarden Euro in ihrem Staatsfonds beiseitegelegt, wovon das Land noch lange zehren kann. Ein unabhängiges Schottland hat das nicht.

Bisher haben die Steuereinnahmen aus der Öl- und Gasindustrie in der Nordsee rund 1.6 Prozent zum britischen Budget beigetragen – und schönes Körberlgeld für eine Industrienation. In einem unabhängigen Schottland wären das zwischen zehn und 20 Prozent. Und das ist ungesund hoch.

Und wenn man bedenkt, welche anderen finanziellen Probleme sich die Schotten mit der Unabhängigkeit aufhalsen werden – von der Währung über den Finanzsektor bis zu den Verwaltungskosten –, dann erscheinen die Folgen des Ölfluchs noch schlimmer. Denn ohne Öl wärde Schottland nicht diesen unsinnigen Weg einschlagen. (Eric Frey, derStandard.at, 13.9.2014)

  • Der Ölboom geht langsam zu Ende.
    foto: reuters/andy buchanan

    Der Ölboom geht langsam zu Ende.

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