Das richtige Maß an Anonymität im Netz

12. September 2014, 20:00
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Eine Podiumsdiskussion zum Thema "Anonymität und Identität im Netz"

Wien - Der Wunsch nach mehr Schutz der Privatsphäre im Internet wird seit Edward Snowden bei vielen stärker. Blickt man in manche Onlineforen, sorgen Shitstorms und Beleidigungen für Probleme - durch Anonymität verlieren viele User ihre Hemmschwelle, meinen manche Kritiker. Am Donnerstag widmete sich eine Podiumsdiskussion im Rahmen des Internet Summit Austria (ISA) 2014 in der Akademie der Wissenschaften in Wien dem Thema "Anonymität und Identität im Netz".

Als Versuch, die Qualität der Debatte anzuheben, so die Begründung, führte Profil.at vor kurzem eine Klarnamenpflicht für Poster ein. Jeder, der eine Meinung vertritt, sollte auch dazu stehen, findet Sebastian Hofer, Journalist bei "profil". "Es wird weder Shitstorms verhindern noch Trolle verjagen, aber es drückt einen Standpunkt aus." Auch wenn klar sei, dass sich die Angaben nicht überprüfen lassen. "Es ist ein erster Schritt, ein Signal. Aber es ersetzt nicht die Kontrolle durch die Redaktion."

Gegen Abkehr von Anonymität

Es dürfe nicht verharmlost werden, wenn Menschen online niedergemacht würden, stimmt Ingrid Brodnig, Journalistin beim "Falter" zu. Im Netz würden rein rechtlich dieselben Gesetze gelten. Das Kernproblem liege bei deren Durchsetzung. "Die Wahrscheinlichkeit für etwas im Internet Gepostetes gestraft zu werden, liegt viel niedriger als für Aussagen in klassischen Medien", bemerkt sie, betont aber gleichzeitig, dass die gänzliche Abschaffung der Anonymität im Netz für sie nicht vorstellbar wäre. Die Abkehr von Anonymität als die billigste Lösung sei falsch und löse nicht alle Probleme. Es gebe auch andere Lösungen, wie das Beispiel des niederländischen Start-ups "De Correspondent" zeige. Dort funktioniere die Klarnamenpflicht, weil nur zahlende Abonnenten zu Artikeln posten können. Die Seite wird nicht über Google indexiert und die Kommentare der Nutzer können so über die Suchmaschine nicht gefunden werden. "So können Meinungen später nicht auf die Personen zurückfallen", begründet Brodnig. Auch den Ansatz der "Süddeutschen Zeitung", die Diskussionen nur auf bestimmte Themen zu beschränken, sieht sie positiv.

"Total-Überwachung"

Der ehemalige IT-Journalist Jonas Westphal, der als Analyst und Berater in Sachen digitaler Kommunikation tätig ist und zahlreiche Publikationen zur Digitalisierung von Politik und Gesellschaft verfasst hat, ist ebenfalls Befürworter der Anonymität. "Freie Kommunikation und unabhängige Informationen durch Medien brauchen Pseudonyme: Sie sind unverzichtbar. Die Welt nach Snowden wird durch Total-Überwachung geprägt. Unsere Gesellschaft benötigt deswegen mehr Pseudonymität und Anonymität. Sie benötigt keine Klarnamen-Pflicht und keinen Identifikationszwang." Auch der Funktion von Medien als "Gate-Keeper" kann er nichts abgewinnen und kritisiert, dass Twitter die chronologische Reihung der Postings aufzugeben plant. Nicht Twitter soll bestimmen, welche Nachrichten für ihn interessant sind. Jede Nachricht sei gleich viel wert.

Daten

Jörg Bauer, Sprecher für die DACH-Region bei ixquick, der nach eigenen Angaben "diskretesten Suchmaschine der Welt", sieht das ähnlich: "Netzfreiheit steht unmittelbar mit unserer Demokratie in Zusammenhang." Eine Klarnamenpflicht zwinge den Nutzer mehr Daten über sich selbst bekannt zu geben, deren Sicherheit die Plattformen aber nicht gewährleisten können. Jeder einzelne könnte dadurch noch genauer durchleuchtet werden. Schon jetzt könnten allein über die Begriffe, die in Suchmaschinen eingegeben werden, ganze Personenprofile erstellt werden.

Pepi Zawodsky, unter anderem Mitbegründer der Austrian Privacy Foundation und Mitveranstalter der monatlich stattfindenden CryptoParty Wien, ist ebenfalls für Anonymität: "Wir nehmen täglich verschiedene Rollen im Leben an. Anonyme Identitäten sind dabei für die persönliche als auch für die gesellschaftliche Entwicklung unerlässlich."

Verschlüsselungstechniken

Einigkeit herrscht darüber, dass Verschlüsselungstechniken automatisierbar und weniger kompliziert sein müssten, damit sie für die große Masse nutzbar wären. Es gebe diese Lösungsansätze. Die vielen innovativen Dienste in Österreich würden aber neben den großen internationalen Diensten, wie Google und Facebook, untergehen, betont Jörg Bauer. Als Lösungsansatz außerhalb des technischen Bereichs weist er auf die Bewusstseinsstärkung für Datensicherheit schon bei Kindern hin, da diese den zukünftigen Umgang im Netz bestimmen werden. (Sarah Matura, derStandard.at, 12.9.2014)

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