Salbungsvolles zur Saisoneröffnung

12. September 2014, 19:00
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Die Münchner Philharmoniker, Semyon Bychkov und Julian Rachlin im Musikverein

Wien – Auch im 203. Jahr ihres Bestehens ist die Gesellschaft der Musikfreunde eine Konzertveranstalterin von beträchtlicher Potenz, Vielfalt und Strahlkraft. In der aktuellen Saison finden im Musikverein rund 800 Konzerte statt, davon sind gut 400 Eigenveranstaltungen, für die circa 300.000 Karten aufgelegt werden. In den sieben Sälen des Hauses werden 81 Aboreihen angeboten, darunter fast 30 speziell für Kinder und Jugendliche.

Ein Musiker, der in den kommenden zehn Monaten öfters in Theophil Hansens Prachtbau am Karlsplatz vorbeischauen wird, ist Julian Rachlin. Der Geiger, der im Dezember seinen 40. Geburtstag feiern wird, ist neben Christian Gerhaher und Daniel Barenboim Residenzkünstler des Hauses. Er wird zum Saisonende mit dem famosen Pianisten Daniil Trifonov und dem Cellisten Mischa Maisky kammermusizieren, davor wird der Wiener mit dem English Chamber Orchestra als Dirigent im Musikverein debütieren.

Beim Saisoneröffnungskonzert präsentierte sich Rachlin aber quasi konventionell als Solist: Zusammen mit den Münchner Philharmonikern und Semyon Bychkov spielte er Schostakowitschs erstes Violinkonzert. Im Notturno noch von einer eher unpräzisen Stimmungszeichnung, steigerte sich Rachlin von Satz zu Satz: Energisch, kraftvoll, widerborstig schrubbte er sich durch das Scherzo, in der Solokadenz am Ende der Passacaglia gelang ihm ein Spannungsbogen von fahler Entrücktheit bis zu energischem Stolz, in der Burlesque ließ er sich freudvoll ins Schostakowitschs Räderwerk der Belustigung einspannen. Mit einer Bach-Zugabe von versonnener Schlichtheit gedachte Rachlin seines verstorbenen Mentors und Freundes Lorin Maazel, der dieses Konzert ursprünglich hätte dirigieren sollen.

An seiner Stelle bot Semyon Bychkov eine Vierte Brahms von feiner Elastizität; die Kantilenen erblühten oft schwelgerisch, inbrünstig fast. Ähnlich gefühlsintensiv wurde Elgars 9. Enigma-Variation zugegeben: Der 61-jährige Russe mit Hang zu einer malerischen, kurvigen, öligen Dirigiersprache verharrte am Ende des wunderschönen kitschnahen Stücks lange in einer Andachtspose, so als erwarte er, dass ob all der salbungsvollen Harmonien die Jungfrau Maria am Orgelbalkon des Großen Saals erschiene. Sie tat es nicht, die Saison kann aber nichtsdestotrotz beginnen. (Stefan Ender, DER STANDARD, 13./14.9.2014)

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