Das Leben mit null Zinsen

Analyse14. September 2014, 09:00
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Sechs Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise hat die EZB den Zins abgeschafft. Mit Japan gibt es einen historischen Präzedenzfall. Drohen der Eurozone nun auch verlorene Jahrzehnte?

Mickrig ist kein schönes Wort, vor allem in monetären Dingen. Doch es beschreibt gut, was Herr und Frau Österreicher am häufigsten zwischen den beiden Buchdeckeln ihrer liebsten Lektüre - dem Sparbuch - finden. Die Zinsen darin sind mickrig, nahezu inexistent. Laut dem Bankenrechner der Arbeiterkammer gibt es bereits Sparformen, die unwohlfeile Zinsen von 0,05 Prozent pro Jahr anbieten. Bei diesen Minizinsen lässt es sich nach Abzug der Kapitalertragssteuer jedenfalls nur für Superreiche von den Zinsen leben. Will man 10.000 Euro Zinseinkünfte mit dem Ersparten pro Jahr verdienen, muss man bei 0,05 Prozent Verzinsung mehr als 26,6 Millionen Euro zu veranlagen haben.

Doch es kommt für die Sparer noch dünner. Vergangene Woche verkündete EZB-Präsident Mario Draghi eine erneute Zinssenkung, der wesentliche Leitzins wurde von 0,15 auf 0,05 Prozent gesenkt. Dazu werde künftig mehr Geld in die Wirtschaft gepumpt, etwa in Form von milliardenschweren Krediten für die Banken. Und Draghi versprach: Die Zinsen werden lange niedrig bleiben.

Mitten im geschäftigen Frankfurter Bankenviertel an der begrünten Gallusanlage rotieren seit Ausbruch der Krise die Geldpolitiker, die Monat für Monat im Eurotower die Zinspolitik beraten. In Europa legt die EZB die Leitzinsen fest, zu denen sich Banken Geld ausborgen können.

Steuerungswerkzeug

Der Leitzins ist das traditionelle Werkzeug der Notenbank, um die Wirtschaft zu steuern. Er ist mehr oder minder ein Preis für die Zeit. Zahlt es sich aus, den Konsum aufzuschieben? Niedrige Zinsen sind ein Rückenwind für die Wirtschaft, machen sie doch die Verschuldung billig und die Investitionen aussichtsreicher. Hohe Zinsen sind kurzfristig ein Gegenwind für die Wirtschaft, machen sie doch sparen attraktiver als konsumieren.

Doch was, wenn die Zinspolitik scheitert und der Rückenwind von Nullzinsen nur ein Lüftchen ist? Drohen Europa die "verlorenen Jahrzehnte" Japans? Das Land schlitterte 1990 in die Krise, die Zentralbank in Tokio reagierte erst zögerlich, dann bestimmt. Die Zinsen wurden auf null gesenkt, doch geholfen hat es wenig. Bis heute gilt Japan als ökonomischer Problemfall, ohne Wachstum und mit Schulden, die mehr als doppelt so hoch sind wie die Wirtschaftsleistung.

Europas Zentralbank ist jedenfalls alarmiert. Das sagen die Zinspolitiker auch offen. "Das japanische Beispiel ist eine Warnung für jeden Notenbanker", sagte etwa Ewald Nowotny, Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB), in einem Standard-Interview. Wenn er an Universitäten oder vor Wirtschaftsforschern Reden hält, um die aktuelle Geldpolitik der EZB zu erläutern, dann ist Japan immer ein abschreckendes Beispiel - ein Szenario, das es zu verhindern gilt.

Dabei liegen die Ähnlichkeiten zwischen Japan und Europa auf der Hand. Japan wurde in den 1980er-Jahren von einer beispiellosen Euphorie erfasst. Der Inselstaat galt in den Jahren davor als aussichtsreiches Investitionsobjekt, mit Immobilien und Aktien wurde wild spekuliert, oft mit geliehenem Geld. Doch der vermeintliche Reichtum war geborgt. Am Höhepunkt der Blase war der Park des japanischen Kaiserpalasts mit seinen 3,4 Quadratkilometern auf dem Papier so viel wert wie das gesamte Land in Kalifornien. In den 1990er-Jahren fielen die Immobilienpreise auf der Insel im Schnitt um 70 Prozent.

Nicht zu Japan verdammt

Auch in Europa explodierten die Immobilienpreise vor 2007. In Spanien oder Irland wurden Häuser auf Pump gekauft und vermittelten das Gefühl falschen Reichtums. Die Finanzkrise erschütterte aber Europas Banken. Die Euphorie wich der Panik. "Seitdem muss die EZB gegen depressive Tendenzen ankämpfen", sagt Jacob Funk Kirkegaard. Der Ökonom am Washingtoner Peterson-Institut für internationale Wirtschaft ist ein langjähriger Beobachter der europäischen Geldpolitik. "Japan mag ein Extremfall sein. 20 Jahre Nullzinspolitik haben realwirtschaftlich fast gar nicht geholfen. Es ist aber klar, dass auch in Europa die Zinsen wohl auf Sicht von Jahrzehnten nicht mehr auf vier Prozent oder mehr steigen werden", hält Kirkegaard fest. Die Realwirtschaft sei zu schwach, um höhere Zinsen auszuhalten. Gleichzeitig hilft die lockere Politik den Banken bei der Reparatur ihrer Bilanzen. Für Kirkegaard ist klar, dass Sparer sich an die Zins-Tristesse gewöhnen müssen. Es bleibt mickrig.

Auch ein aktuelles Buch gibt wenig Anlass zur Hoffnung: Es wurde von der ökonomischen US-Denkfabrik CEPR herausgegeben. Darin wurden Debattenbeiträge von Nobelpreisträgern und international renommierten Volkswirten versammelt, die warnen: Industrienationen wie die Länder der Eurozone könnten in eine dauerhafte Lähmung schlittern. "Secular stagnation" heißt diese Situation in der Literatur.

Doch der Euroraum ist nicht verdammt, auf dem japanischen Pfad der Stagnation und jahrzehntelangen Nullzinsen zu wandeln. Dazu sind die Unterschiede zu groß: "Im Gegensatz zu Japan hat Europa ein harmloses Demografie-Problem", betont etwa Kirkegaard. Laut Daten der Weltbank hat die Eurozone 2013 ein Bevölkerungswachstum von 0,3 Prozent, der Inselstaat verzeichnet hingegen Jahr für Jahr rund 0,2 Prozent weniger Einwohner.

Wichtig könnte auch der Unterschied auf dem Bankenmarkt sein. "Europa hat viel schneller auf die Probleme seiner Geldinstitute reagiert", sagt Peter Brezinschek, Chefanalyst der Raiffeisen Bank International. Japan habe über ein Jahrzehnt das Ausmaß der Krise verschleiern wollen. Banken haben Wertberichtigungen als Amen im Krisengebet lange Zeit hinausgezögert. Erst 1998 wurde der Bankensektor weitgehend von faulen Immobilien- und Unternehmenskrediten gereinigt. Bis dahin war er geradezu gelähmt. Europa sei da deutlich schneller gewesen, sagen Kirkegaard und Brezinschek. In Europa steht dieses Jahr mit dem Wechsel der Bankenaufsicht in die Hände der EZB und eines umfassenden Stresstests das Großreinemachen an. Die Aussicht, dass Banken demnächst die Kreditvergabe ankurbeln, sei daher besser.

In Japan hoffte man auf die Zentralbank als alleinselige Aufräumerin nach der Blase. Seit Jahrhunderten spielen die Notenbanken als "Banken der Banken" eine große Rolle im Bekämpfen von Krise. In England wurde die Bank of England als älteste Zentralbank im Jahr 1694 gegründet. Als "Kreditgeber der letzten Instanz" ("Lender of last resort") sollte die Notenbank in Schieflage geratenen Geldhäusern gegen gute Sicherheiten und zu einem Strafzins Kredit gewähren, um eine Abwärtsspirale aus Pleiten und Kreditkrisen zu verhindern.

Zögern und zaudern

Daher ist für Brezinschek, Kirkegaard und auch die Ökonomen der EZB klar, dass die Zinsen noch lange niedrig sein werden. Denn viele Banken brauchen die Nullzins-Krücke. Herr und Frau Österreicher werden von dieser zinslosen Zukunft besonders getroffen sein. Ein Blick in die Statistik des heimischen Geldvermögens zeigt: Ein erheblicher Teil des heimischen Ersparten liegt in Spar- und Anlageformen, die unter der Niedrigzinspolitik leiden (siehe Grafik). RBI-Chefanalyst Brezinschek empfiehlt Sparern, die eine reale Rendite erwirtschaften wollen, zu Anlegern zu werden. "In diesem Zinsumfeld bleiben nur Sachwerte wie Aktien übrig", sagt Brezinschek. Doch Unternehmensbeteiligungen und Aktien machen am gesamten Kuchen des Geldvermögens direkt nur einen kleinen Teil aus. Österreichische Sparer hängen stark an der Geldpolitik in Frankfurt, weil die Garantiezinsen von Lebensversicherungen genauso wie Anleihen und Spareinlagen im Tandem mit den Leitzinsen nach unten fahren. Dabei ist klar: Wer nach Abzug von Kapitalertragssteuer und Inflation positiv aussteigen will, braucht gut 2,5 bis drei Prozent Rendite.

Als Sparer muss man sich also heute entscheiden: das Risiko im Kapitalismus zu akzeptieren und in die reale Wirtschaft zu investieren - oder einen sicheren Verlust mit Sparbüchern und anderen Zinsprodukten zu erleiden. (sulu, DER STANDARD, 13.9.2014)

Erratum: In einer früheren Version hatte sich eine Null verabschiedet. Wer 26,6 Millionen Euro an Erspartem mit 0,05 Prozent verzinst, erhält nach Abzug der Kapitalertragssteuer 10.000 Euro an Zinseinkünften, nicht wie zunächst geschrieben 1000 Euro.

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