Dick Cheney: Comeback eines Scharfmachers

12. September 2014, 17:10
192 Postings

Nach der Rede Obamas, der zufolge sich die USA in Nahost wieder mehr engagieren werden, sieht sich Bushs Vize in seinen Ansichten bestätigt

Das weiße Haar ist noch dünner geworden, aber die tiefe Raucherstimme ist fest. Wenn Dick Cheney redet, die Hände an die Pultecken geklammert, dann klingt er so unbeirrt wie eh und je. In der ersten Reihe sitzt Lewis "Scooter" Libby, sein früherer Stabschef; in der zweiten Paul Wolfowitz, der einst im Pentagon den Irakkrieg mitplante. Der Saal im American Enterprise Institute, einem konservativen Thinktank, ist bis auf den letzten Platz besetzt. Die Gäste erheben sich ehrerbietig, als der Redner erscheint.

Der 73-Jährige genießt es: Er gibt den Rufer in der Wüste, der wieder Gehör findet - jetzt, da Barack Obama seinen Fehler kapiert und den Aufstieg der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) nicht mehr aus der Zuschauerperspektive betrachtet. Und so spricht aus Cheney grimmige Genugtuung: "Wir sind im Krieg. Wir müssen tun, was nötig ist, solange es nötig ist. Bis wir gewonnen haben."

"Krieg, Krieg und noch mehr Krieg"

Als Nächstes, verlangt er, solle der Präsident den Rückzug aus Afghanistan stoppen. Und er solle eine Militäraktion gegen den Iran befehlen, "wenn das geboten ist". Und beim Verteidigungsetat nicht mehr den Rotstift ansetzen. "Um es zusammenzufassen: Krieg, Krieg und noch mehr Krieg", wird der scharfzüngige Dana Milbank in der Washington Post
schreiben.

Der Vizepräsident von George W. Bush (2001-2009) hat sich nie an die ungeschriebene Regel gehalten: Bush lässt die Politik seines Nachfolgers unkommentiert, er führt ein ruhiges Leben in Dallas, zerschneidet hie und da ein paar rote Bänder, reißt hie und da ein paar Witze. Ansonsten schweigt er. Cheney dagegen wirkt wie ein notorischer Besserwisser, der nicht loslassen kann.

Als er im Jänner 2009 aus dem Amt schied, waren seine Sympathiewerte auf rekordniedrige 13 Prozent gesunken. Wasserfolter und Geheimgefängnisse im "Krieg gegen den Terror" - das hing wie zentnerschwerer Ballast an dem Mann, in dem die ernüchterte Öffentlichkeit die treibende Kraft der Irak-Invasion 2003 sah.

Neue Kraft getankt

Seit über fünf Jahren lässt er keine Gelegenheit aus, den Kurs Obamas zu geißeln - in Worten, die keinerlei Selbstzweifel erkennen lassen. Nach einer Herztransplantation ist die kränkliche Blässe aus seinem Gesicht verschwunden. Cheney hat Kraft getankt und sucht die Offensive.

"Selten hat ein US-Präsident in so vielen Dingen auf Kosten so vieler so falsch gelegen", schrieb er im Juni im Wall Street Journal. Selbst Megyn Kelly, Moderatorin des stramm konservativen Senders Fox News, staunte über die Chuzpe. "Hat die Geschichte nicht bewiesen, Sir, dass auch Sie danebenlagen im Irak?" Saddam Husseins vermeintliche Massenvernichtungswaffen, die Prognose, Bagdad würde die GIs als Befreier bejubeln: Ob der Herr Vizepräsident nach 4500 toten US-Soldaten und einer Billion in den Sand gesetzter Dollar nicht auch zugeben müsse, dass er sich geirrt habe?

Im Enterprise Institute ist mit solcher Impertinenz nicht zu rechnen - nur mit Applaus. Zuvor hatte Cheney vor der republikanischen Fraktion des Repräsentantenhauses geredet, die ihn lange gemieden hatte wie einen peinlichen Verwandten. Es war sein Comeback. Obama, sagt er nun grimmig, habe einmal vor der Uno erklärt, dass keine Weltordnung Erfolg haben könne, wenn sie eine Gruppe von Nationen über andere erhebe. "Nun: Er scheint amerikanische Macht als Problem zu begreifen. Er hat bewiesen, dass er amerikanischer Macht als Kraft des Guten zutiefst misstraut." (Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD, 13.9.2014)

  • Dick Cheney, US-Vizepräsident 2001-2009, spielt gern den grimmigen Cowboy, wenn es um Kritik an Washington geht.
    foto: reuters/jason reed

    Dick Cheney, US-Vizepräsident 2001-2009, spielt gern den grimmigen Cowboy, wenn es um Kritik an Washington geht.

Share if you care.