Annaberg: Ein Jahr nach tödlichem Einsatz gegen Wilderer 

12. September 2014, 19:14
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Empfehlungen laut Ministerium "in Umsetzung". Alois H.s Vermögen noch nicht auf Gläubiger aufgeteilt

Annaberg/Wien - Am 17. September um 2.45 Uhr näherte sich Alois H. "aus totem Winkel der ... Streife ,Scheibbs 1' und tötete die beiden im Fahrzeug sitzenden Beamten durch mehrfache Schüsse". Dort, wo die zwei Männer laut Evaluierungsbericht des Innenministeriums ermordet wurden, wird am Mittwoch ein Gedenkstein enthüllt. Dann ist es genau ein Jahr her, dass der damals als Wilderer gesuchte H. im niederösterreichischen Annaberg drei Polizeibeamte und einen Rettungssanitäter erschoss, bevor er sich selbst das Leben nahm.

Die beiden Männer waren das dritte und vierte Todesopfer des 55-Jährigen. Zuvor hatte H. eine Straßensperre durchbrochen und auf - ihm nachfahrende - Beamte das Feuer eröffnet. Ein dabei getroffener Beamter starb später. Beim Eintreffen des Rettungswagens tötete H. aus dem Hinterhalt einen Rettungssanitäter.

Nach den Schüssen auf die Streife "Scheibbs 1" zog sich der Witwer in sein Anwesen in Großpriel im Bezirk Melk zurück. Als die Polizei mithilfe des Bundesheeres Stunden später das Gebäude stürmte, fand sie nicht nur H.s Leiche, sondern auch hunderte Waffen und Jagdtrophäen.

Hunderte Schusswaffen

Insgesamt waren es 305 Schusswaffen, jede Menge Munition, 90 Hirsch- und etwa 500 Reh- sowie 100 weitere Jagdtrophäen. Neben den vier Morden werden H. mehr als 100 Straftaten mit einem Gesamtschaden von fast 9,9 Millionen Euro seit 1994 zugeordnet, darunter 59 Wohnungs- und Jagdhauseinbrüche, elf Brandstiftungen, vier Motorraddiebstähle und 14 Wildererdelikte. Er soll in Niederösterreich, der Steiermark, Salzburg, Kärnten und Wien kriminell aktiv gewesen sein.

Nach dem Einsatz in Großpriel und Annaberg wurden aus den Reihen des Einsatzkommandos Cobra anonyme, schwere Vorwürfe laut: Die Ausrüstung sei mangelhaft, der Einsatz habe aufgrund von Sparmaßnahmen so fatal geendet. Vonseiten der Cobra-Leitung und dem Innenministerium wies man die Anschuldigungen vehement zurück und verwies auf die Evaluierung des Einsatzes. Die zuständige Kommission kam im Mai 2014 zu dem Ergebnis, dass "lageangepasst und zielorientiert" vorgegangen worden und kein Fehler unterlaufen sei.

"Maßnahmen zur Bewusstseinsbildung"

Dennoch endet der Bericht mit einer Reihe von Empfehlungen in den Bereichen Ausrüstung, Einsatz, Technik und Führung. Zum Beispiel seien "wirksame Maßnahmen zur Bewusstseinsbildung" für das Tragen der Schutzausrüstung zu setzen, die Verfügbarkeit weiterer gepanzerter Fahrzeuge sicherzustellen und die Erfahrungen aus dem Einsatz in die Aus- und Fortbildung aufzunehmen. Die Umsetzung der Empfehlungen ist nach Auskunft des Innenministeriums im Laufen. Konkretere Informationen zu einzelnen Punkten könne man aber nicht geben, hieß es.

Schon vor dem Einsatz in Großpriel und Annaberg hatte das Innenministerium eine Prüfung der Dienstmunition der Exekutive gestartet. Beispielsweise könnte auf deformierende Munition umgestiegen werden, die das Verletzungsrisiko bei Getroffenen erhöht. Im Evaluierungsbericht steht, eine "wissenschaftliche" Evaluierung dessen sei im Laufen. Nach aktuellen Angaben des Innenministeriums habe es sich aber lediglich um eine interne Prüfung gehandelt. Ein wissenschaftliches Projekt, in dessen Rahmen Qualitätskriterien für die Einsatzmunition entwickelt werden sollen, starte erst in den nächsten Wochen.

3,2 Millionen Euro Forderungen

Auch Masseverwalter Klaus Gimpl ist noch beschäftigt: Alois H.s Vermögen, das auf rund 500.000 Euro geschätzt wird, ist noch nicht auf Gläubiger und Hinterbliebene der Opfer verteilt worden. Ingesamt seien Forderungen in der Höhe von 3,2 Millionen Euro offen. Den Großteil davon machen laut Gimpl zwei Millionen Euro der Versicherungsanstalt öffentlich Bediensteter aus, die beispielsweise Waisenrenten für Hinterbliebene im Voraus einfordert. Gimpl rechnet damit, dass nach Abzug der Verfahrenskosten maximal je zehn Prozent der geforderten Summen ausgezahlt werden. Die Liegenschaft des Alois H. ist noch nicht verkauft. Laut Gimpl haben rund zehn Personen daran Interesse bekundet. (Gudrun Springer, DER STANDARD, 13.9.2014)

  • Beamte versperren am Tag nach dem Amoklauf von Alois H. den Weg zu dessen Anwesen, auf das der Wilderer sich nach den tödlichen Schüssen auf vier Einsatzkräfte zurückgezogen hatte.
    foto: apa/jäger

    Beamte versperren am Tag nach dem Amoklauf von Alois H. den Weg zu dessen Anwesen, auf das der Wilderer sich nach den tödlichen Schüssen auf vier Einsatzkräfte zurückgezogen hatte.

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