Hoher Seegang bei der Verwandtschaft

12. September 2014, 17:30
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Susanne Lietzow setzt Shakespeares "Sturm" im Linzer Theater Phönix unter Wasser

Linz - Ein fulminanter Beginn: Die Bühne des Phönix-Theaters - gänzlich unter Wasser gesetzt - wird in den ersten Minuten von Donner und Blitz erschüttert. Wellen peitschen, Miranda kreischt, im Hintergrund erhebt sich Prospero, ihr Vater, der diesen Sturm heraufbeschworen, herbeigezaubert hat. Peter Badstübner wird in den kommenden zwei Stunden als entmachteter und verstoßener Herzog von Mailand in einem Krankenhausstuhl auf kleinen Rollen durchs Wasser gleiten, immer da, stets beobachtend, manchmal an der Wand schreibend, scheinbar unaufmerksam und doch hellwach.

Der schlaksige Badstübner nimmt dabei eine Körperhaltung ein, die jeden Orthopäden das Fürchten lehrt, mehr hängt er schief im Stuhl, als dass er herzoglich sitzt, ein rachsüchtiger Grantscherm, den einzig die Liebe der Tochter Miranda zu Ferdinand, Sohn derer, die ihn entthront haben, rührt.

Zwölf Jahre ist es her, dass Prospero mit seiner Tochter von der Königin von Neapel (Judith Richter) und seinem eigenen Bruder Antonio (Marcus Off) entmachtet wurde, auf einer Insel landete und seither Herrscher darüber ist. Der Geist Ariel (Felix Rank als hübscher Crossdresser) und Caliban (Sebastian Pass als gepeinigter, devoter Sohn einer Hexe) dienen ihm aus purer Not und Abhängigkeit. Als ein Schiff mit Prosperos Feinden auftaucht, beschwört dieser ebenjenen Sturm herauf und beginnt mit seinem Rachezauber.

Lietzow erzählt Shakespeares Sturm wie einen Traum, etwas Zaubrisches vermittelt sich an diesem wässrigen Ort, der ein unwirtlicher, aber gleichermaßen faszinierender ist. Kein Albtraum, aber auch nicht das angenehm schöne Gegenteil davon. Marie Luise Lichtenthals kompromissloses Bühnenbild, ein aufwändiges Beleuchtungskonzept von Gordana Crnko sowie die Musik von Gilbert Handler - er vertonte Shakespeare-Sonette - bauen dazu eine starke Atmosphäre auf.

Diese Eröffnungspremiere (die Rezension bezieht sich auf die öffentliche Hauptprobe, Anm.) ist ein wunderschöner Theaterabend, an dem es Susanne Lietzow - nach Höllenangst im Vorjahr - ein weiteres Mal gelingt, eine Geschichte so zu erzählen, dass sich jede Rolle, jede Geste und jedes Wort gleichsam ganz natürlich als Teil dieser Geschichte fügt. Am Ende steht ein aufregendes großes Ganzes. (Wiltrud Hackl, DER STANDARD, 13.9.2014)

Bis 2. 11.

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