"Diese Entkrampfung ist schon spürbar"

Gespräch12. September 2014, 17:23
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Kanzler Werner Faymann und Schauspieler Johannes Krisch tauschen sich über Rollen und die Vergänglichkeit aus

Wien - Die Steuerreform habe ein einziges Ziel, sagt Bundeskanzler Werner Faymann im 2+1-Sommergespräch des STANDARD mit dem Schauspieler Johannes Krisch: "Bei einem mittleren Einkommen soll etwa ein halbes Monatsnettogehalt im Jahr übrigbleiben. Und es soll nicht auf Kosten sozialer Leistungen gehen."

Da auch eine Selbstfinanzierung durch mehr Wirtschaftswachstum illusorisch sei, bleibt Faymann bei seiner Forderung, die Einkommenssteuersenkung über eine Vermögenssteuer mit einem Freibetrag ab einer Million Euro gegenzufinanzieren.

Wie viel dabei hereinkommen könnte, lässt Faymann offen - die Schätzungen lägen zwischen einer halben und zwei Milliarden Euro. Von einer höheren Alkoholsteuer - Krisch schlägt einen Euro auf ein Glas Bier vor, damit sich die Österreicher das Budget durch "fleißig weitertrinken" sanieren - hält der Kanzler nichts: Dies würde den Warenkorb verteuern und die Inflation erhöhen.

In einer Gastrolle: Minister Josef Ostermayer.

STANDARD: Ist der Bundeskanzler die Rolle Ihres Lebens?

Faymann: Nein, das würde implizieren, es ist etwas Gespieltes. Gerade die Führung einer Regierung hat eigentlich nichts mit Sich-Hineinleben in die Rolle eines anderen zu tun, sondern mit dem Hineinleben in die vielfältigen Aufgaben, die es in einer Republik gibt - in schwierigen Zeiten umso mehr.

STANDARD: Empfinden Sie Werner Faymann authentisch als Bundeskanzler? Könnte er mehr Verve oder mehr Pathos vertragen?

Krisch: Es geht nicht um Pathos, sondern um die Ausübung eines Berufes. Die Quintessenz eines Schauspielers besteht darin, so gut zu lügen, dass man ihm glaubt. Das sollte man von einem Politiker nicht voraussetzen.

STANDARD: Ihnen sollte man glauben - eine Grundvoraussetzung in der Politik. Wie bereiten Sie sich auf Ihre Auftritte vor?

Faymann: Wenn ich in Verhandlungen gehe, bereite ich mich inhaltlich stark vor. Ich habe eine Reihe von Experten, mit denen ich Vorgespräche führe. Meine Vorbereitung ist eine fachliche.

STANDARD: Wenn Sie nach dem Ministerrat vor die Medien treten ...

Faymann: ... bereite ich mich nicht vor. Da bereite ich mich nur auf den Ministerrat vor.

Wie motiviert man sich für einen Auftritt? Gibt es Momente, in denen man sich überwinden muss, ehe man auf die Bühne geht und sich vor Publikum preisgibt?

Krisch: Ja, selbstverständlich. Wir müssen unsere privaten Probleme daheimlassen. Es gibt verschiedene Techniken, in denen man ausgebildet wird, diesen Zustand zu erreichen. Ich bin ausgebildet in Method-Acting, ich hole es mir also schon aus mir, nehme bis zu einem gewissen Grad auch Befindlichkeiten mit, von denen ich denke, dass sie gerade an diesem Abend passen würden. Aber man muss Befindlichkeiten auch weglassen können. Die Motivation ist letztendlich, wenn man den Herzschlag des Publikums spüren will, der Vorhang aufgeht, und man rausgeht und die Scheinwerfer angehen. Dann ist die Motivation groß genug.

STANDARD: Spüren Sie das auch, oder sind Journalisten schlichtweg das falsche Publikum?

Faymann: Journalisten würden mir da jetzt nicht einfallen. Wenn man an eine Aufgabe herangeht, entsteht die Konzentration und die Motivation aus der Verantwortung, die man trägt. Aber es gibt auch schlechte Tage. Man kann es sich nicht immer aussuchen, wie es einem geht. Natürlich ist es unangenehm, wenn man privat ein Problem hat und dennoch in eine Sitzung gehen muss, die vielleicht bis zum nächsten Tag in der Früh dauert, wie in Brüssel. Da muss man wie in anderen Berufen auch versuchen, das möglichst gut voneinander zu trennen. Ganz geht es nicht. Die Frage, wie man sich fühlt, spielt immer eine gewisse Rolle.

STANDARD: Heißt das, dass Sie permanent unter Spannung stehen?

Faymann: Nicht permanent. Es gibt Tage, an denen der Terminkalender voll ist, und es geht dennoch entspannt ab. An anderen Tagen stehen plötzlich Probleme an, mit denen man nicht gerechnet hat. Viele glauben, dass sich alle nach einem richten, wenn man an der Spitze einer Regierung steht. Das stimmt vielleicht bei der Termingestaltung, aber ganz sicher nicht bei den Problemen. Da richtet sich der Bundeskanzler nach den Problemen, die es gibt, und nicht umgekehrt.

Krisch: Wie erden Sie sich?

Faymann: Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie ich mich aus dem Alltagsgeschäft herausnehme. Mit Freunden sehr intensiv und ehrlich diskutieren. Für mich spielt meine Frau eine sehr große Rolle, die auch ein sehr politischer Mensch ist. Natürlich gibt es Freunde wie Josef Ostermayer und Freunde, die nicht in der Politik sind, mit denen ich sehr offen rede. Am besten kann ich abschalten, wenn ich eine Bergtour mache. Wenn ich in der Natur unterwegs bin, sehe ich am zweiten Tag die Dinge anders als am ersten. Naturerlebnisse schaffen Distanz.

STANDARD: Wie machen Sie das?

Krisch: Ich bin auch sehr naturverbunden. Sehr, muss ich gestehen. Die Natur führt uns vor, wie vergänglich wir sind. Das ist wichtig, sowohl in meinem Beruf als auch überhaupt im menschlichen Dasein - Vergänglichkeit und was bleibt. Wir haben gerade einen großen Kollegen zu Grabe getragen, der uns hoffentlich noch sehr lange in Erinnerung bleibt. Das ist das, was bleiben wird. Die Erinnerung in unseren Köpfen und die Geschichten, die wir erzählen werden über ihn. Aber letztendlich sind wir alle nur Sternenstaub.

STANDARD: Wie gehen Sie mit Kritiken um? Ärgern Sie sich über schlechte Kommentare, fühlen Sie sich gelegentlich missverstanden?

Faymann: Ich ärgere mich manchmal über zynische, herabwürdigende Kommentare. Mich stört die Herabwürdigung. Ich kann als überzeugter Demokrat sehr gut damit leben, dass jemand eine völlig andere Meinung oder sogar eine völlig andere Wertehaltung hat. Der Respekt ist für mich aber eine Voraussetzung in der Demokratie. Wenn es nur mehr darum geht, den anderen herunterzumachen oder Hass als Element des politischen Erfolgs einzuführen, da kann ich nicht mit, das ist nicht konstruktiv. Da ziehe ich eine scharfe Grenze. Am meisten ärgere ich mich über die FPÖ oder rechte Nationalisten in Europa, die dieses Mittel des Hasses und der Vorurteile bis hin zu Antisemitismus gezielt in ihrer Politik einsetzen.

Krisch: Die aber auf offene Ohren stößt. Die Politikverdrossenheit in der Bevölkerung ist schon sehr groß, auch die Enttäuschtheit der Menschen über die Politiker. Die Sozialschere wird immer größer. Nehmen wir die Steuerreform her. Warum ist das so ein zäher Brocken? Warum machen Sie nicht endlich Nägel mit Köpfen? Hannes Androsch tritt vehement für eine Lohnsteuersenkung ein, hält aber die Millionärssteuer für einen Unsinn.

Faymann: Ich plädiere für eine volle Lohnsteuersenkung, gerade beim Eingangssteuersatz, da sind wir wohl einer Meinung. Wir werden das auch durchsetzen. Ich habe mir bisher mit dem Koalitionspartner schwergetan: Der hat immer gesagt, er weiß nicht, ob es sich ausgeht. Jetzt weht ein neuer Wind. Ich bin überzeugt, wir bringen eine Steuersenkung zustande. Die Frage ist: Woher kommt das Geld? Durch wirtschaftlichen Mehrertrag wird es nur gering oder gar nicht kommen. Das ist im Moment eine schlechte Zeit. Krieg in der Ukraine, der Nachfragemarkt in Europa schwächelt, viele Länder kämpfen mit ihren Finanzen. Die zweite Möglichkeit: Man reduziert Leistungen etwa im Gesundheits- und Sozialwesen. Da bin ich nicht dafür. Sparen, effizienter werden, ja, aber kein Reduzieren von Leistungen. Und dann gibt es den dritten Teil, für den ich werbe. Das ist der einnahmenseitige Teil. Da bin ich anderer Meinung als Hannes Androsch. Wir sind in der EU bei den Staaten mit den geringsten Vermögenssteuern. Wir könnten bei den Vermögenssteuern mehr erzielen, damit es ein Teil der Gesamtfinanzierung wird. Deutschland hat eine Erbschafts- und Schenkungssteuer. Selbst wenn man die von uns vertretene Millionengrenze nimmt, also für die erste Million zahlt man nichts, kommen ein paar hundert Millionen herein. Manche sagen 500 Millionen, manche sagen bis zu zwei Milliarden. Da gibt es eine Bandbreite, über die man diskutieren kann. Ich plädiere für eine Vermögenssteuer oder eine Millionärsabgabe. Da werden wir jetzt Modelle durchrechnen und schauen, wie ist das machbar. Die Betrugsbekämpfung ist ein weiterer Mosaikstein. Alles mit einem einzigen Ziel: Bei einem mittleren Einkommen soll etwa ein halbes Monatsnettogehalt mehr im Jahr übrigbleiben. Und es soll nicht auf Kosten der sozialen Leistungen gehen.

Krisch: Mir würde sofort eine wunderbare Steuer einfallen. Die Sektsteuer finde ich inkonsequent. Wenn wir uns anschauen, wie viel der Österreicher pro Jahr an Alkohol trinkt, wenn ich da auf jedes Glas einen Euro Steuer drauflegen würde, wie bei den Zigaretten, da kommt sehr viel Geld rein. Ich will nicht den Alkohol abschaffen. Wir würden uns sanieren, indem wir fleißig weitertrinken.

Faymann: Wir haben uns tatsächlich angeschaut, in welchem Bereich kann man da die Steuer erhöhen. Aber das Glas Bier ist im Warenkorb, und wir müssen darauf achten, dass wir nicht den Warenkorb verteuern. Deshalb sind wir da vorsichtig.

STANDARD: Merken Sie beim Thema Steuerreform jetzt mehr Entgegenkommen des Koalitionspartners?

Faymann: Ja, eindeutig. Ich möchte sogar sagen: Es gibt einen Szenenwechsel - mit anderen Personen.

Ostermayer: Aber es ist noch kein anderes Stück.

Faymann: Dasselbe Stück, aber eine andere Szene. Es ist jetzt wesentlich entspannter und entkrampfter. Wir alle wollen eine Steuersenkung und wissen, es ist eine verdammt harte Zeit. Jetzt legen wir einmal einen Plan fest, wohin wir wollen. Und dann arbeiten wir ab, wie wir uns das leisten können. Diese Entkrampfung ist schon spürbar. Ich weiß, ich kann nicht zu hundert Prozent alles durchsetzen, was die SPÖ will. Aber gerade in der Bildungsfrage und bei der Steuersenkung spüre ich vielmehr Gemeinsamkeit und den Willen, Nägel mit Köpfen zu machen.

Krisch: Die Korruptionsstaatsanwaltschaft ist nicht verpflichtet, über laufende Verfahren Auskunft zu geben. Die Gefahr, dass Ermittlungen im Sand verlaufen, ist doch sehr groß.

Faymann: Ich kann gerne den Justizminister fragen, ob da etwas nachzuschärfen ist.

Krisch: Wollten Sie immer schon Politiker werden?

Faymann: Ich wollte schon seit frühester Jugend politisch aktiv sein. Ich war Klassensprecher, Schulsprecher, habe Schülerzeitung gemacht und gegen Zwentendorf demonstriert. Irgendwann gerät man in diesen Sog hinein, der einen begeistert und mitnimmt.

Krisch: So gesehen haben Sie sich Ihren Traum erfüllt.

Faymann: Das ist vielleicht etwas Gemeinsames mit einem Künstler: Das, was ich gern mach, mach ich jetzt als Beruf. Aber nicht alles, was so den ganzen Tag passiert, hab ich gern. (Michael Völker, DER STANDARD, 13.9.2014)

Johannes Krisch (48) ist seit 1989 Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters. Zuletzt war er auf der Bühne in Der Talisman und in Der Alpenkönig und Menschenfeind zu sehen. Krisch spielte in etlichen Filmen (zuletzt in Im Labyrinth des Schweigens), derzeit steht er als Jack Unterweger vor der Kamera. Krisch lebt in Berlin, er hat drei Söhne und erwartet sein viertes Kind.

Werner Faymann (54) ist seit August 2008 Bundesparteivorsitzender der SPÖ und seit Dezember 2008 Bundeskanzler. Er folgte in diesen Funktionen Alfred Gusenbauer nach. Faymann war zuvor Infrastrukturminister und Wohnbaustadtrat in Wien. Faymann wohnt in Wien-Liesing. Er ist mit der Wiener Landtagsabgeordneten Martina Ludwig-Faymann verheiratet und hat zwei Töchter.

  • Bundeskanzler Werner Faymann und Burgschauspieler Johannes Krisch tauschen sich im Kanzleramt aus. Minister Josef Ostermayer (im Spiegel) ist der fast stille Gast.
    foto: cremer

    Bundeskanzler Werner Faymann und Burgschauspieler Johannes Krisch tauschen sich im Kanzleramt aus. Minister Josef Ostermayer (im Spiegel) ist der fast stille Gast.

  • "Dasselbe Stück, aber eine andere Szene. Es ist jetzt wesentlich entspannter und entkrampfter", findet Kanzler Werner Faymann.
    foto: cremer

    "Dasselbe Stück, aber eine andere Szene. Es ist jetzt wesentlich entspannter und entkrampfter", findet Kanzler Werner Faymann.

  • "Die Quintessenz eines Schauspielers besteht darin, so gut zu lügen, dass man ihm glaubt", sagt Burgschauspieler Johannes Krisch.
    foto: cremer

    "Die Quintessenz eines Schauspielers besteht darin, so gut zu lügen, dass man ihm glaubt", sagt Burgschauspieler Johannes Krisch.

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