Knigge für Auftretende und Interviewte

12. September 2014, 17:16
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Von Höhlenmalerei bis Käsekrainer

Aus eigenem und geteiltem Leid lässt sich mit etwas gutem Willen die Weitergabe des teuer erkauften Wissens destillieren. Wenn der Mensch die Welt nicht ständig neu erfinden würde, müsste man auch keine Auffrischungen zufügen. "Huste nicht ins Pergament" würde reichen. Zuvor: "Rüttle nicht an der Tontafel." "Lenke den Höhlenwandzeichner nicht ab."

Zu Zeiten von Social Media und mannigfaltiger Möglichkeiten, begangene Fauxpas gnadenlos in die weltweiten Netzgründe zu schicken, ist wirklich die Vorsicht Mutter der Porzellankiste und der Elefant ihr Tod. Als Faustregel gilt: kein Mineralwasser vor oder bei einem öffentlichen Auftritt. Wer nie gut ausgeleuchtet einsam auf der Bühne saß und die unterdrückte Belustigung des im Lichtlosen anonymen Publikums ertrug, das höflich zu bleiben versucht, nachdem man an der dramatischsten Stelle laut und deutlich ins gut gewartete Mikrofon rülpste, ist ein glücklicherer Mensch.

Wer so originell ist, einen Handyklingelton in Form eines knatternden Furzes zu installieren, sollte wenigstens darauf achten, vor Beginn jeder Bühnenaktivität oder Gesprächsaufzeichnung das Gerät stumm zu schalten. Sonst hat man die Wahl zwischen Scylla und Charybdis: läuten lassen und das Publikum im Glauben bestärken, man sei ein hemmungsloses Schwein. Oder abdrehen und sich als vergessliche Oberbanausin outen.

Bei Liveübertragungen, vor allem solchen mit Promiaufkommen, empfiehlt es sich, zuvor auf Knoblauch in jeder Form zu verzichten. Auch wenn man ewiges Leben anstrebt. Es gibt zwar keine Geruchsübertragung. Das Gesicht des küssenden Gegenübers sagt dennoch mehr als tausend Worte, und 100 Jahre Einsamkeit sind kein Lercherlschas. Was für Knoblauch gilt, gilt auch für Käsekrainer. Bei einer unpassenden Frage schlage man nicht ohne Vorwarnung zu und antworte mit keiner Gegenfrage, die medizinische und intime Beichten provoziert. Sollte das Gegenüber zuvor eine solche Frage gestellt haben, und das vor laufender Kamera, gilt dennoch vorangehender Ratschlag. Drogen und sonstige Räusche auf Bühnen bleiben in intensiver Erinnerung des kollektiven Unbewussten.

Durchdachte, langsam entstehende Antworten zu komplexen Themen nicht. Was du bei einer Vorproduktion sagst, schrumpft vor Ausstrahlung gleichsam von Burka zu Negligé, nachdem es redaktionell betreut wurde.

Die peinlichsten Momente würden am liebsten in Zeitlupe gesendet. Wer sich kontrolliert, wird spießig rüberkommen. Wer spontan ist, womöglich als unberechenbarer Irrer. So. Und jetzt kann eigentlich nichts mehr schiefgehen. (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 13./14.9.2014)

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