Drohnen über dem Land

14. September 2014, 12:00
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Der deutsche Journalist und Krimiautor Tom Hillenbrand legt mit "Drohnenland" eine beklemmende Dystopie vor

Ein wesentlicher Bestandteil jedes Lebens ist mit dessen fortlaufender Dauer jener, dass man sich ab einem gewissen Zeitpunkt ziemlich sicher ist, dass man in Zukunft bei dieser Veranstaltung nicht mehr dabeisein will. Zwar hat noch jede Generation im Laufe der Menschheitsgeschichte gehofft, die jeweils letzte zu sein - weil halt auch nichts Besseres nachkommt. Aber der Wunsch, gar nicht wissen zu wollen, was da so alles nachkommt, beginnt ab den grauen Haaren gewöhnlich seltener zu werden.

Für Menschen, die zum Beispiel noch mit Vierteltelefonen und Boxkämpfen von Muhammad Ali um vier Uhr in der Früh live im schwarzweißen Dampffernseher aufgewachsen sind, muss Tom Hillenbrands nun vorliegender Kriminalroman Drohnenland eine gewisse Belastung im Fach "Das möchten wir gar nicht wissen" darstellen.

Tom Hillenbrand war einmal Ressortleiter bei Spiegel Online. Er schreibt unter dem Pseudonym Tom König Bücher und Kolumnen unter den Mottos Ich bin ein Kunde, holt mich hier raus oder Warteschleife. Mein Leben als Kunde. Unter eigenem Namen veröffentlicht er regelmäßig zu Bestsellern aufsteigende "kulinarische Kriminalromane" wie Teufelsfrucht oder Letzte Ernte, die den luxemburgischen Haubenkoch Xavier Kieffer in den Mittelpunkt rücken. Der Drang also, sich mit dem Schaffen dieses Mannes näher zu beschäftigen, hält sich in engen Grenzen.

Vielleicht wäre es einmal hilfreich, einen früheren Journalisten und jetzt prekär als Pressesprecher bei einer NGO beschäftigten Schreiber dazu zu bringen, einen Roman zu schreiben, in dem es darum geht, dass ein Rezensent von Kriminalromanen beginnt, aus reiner Bosheit und Notwehr skandinavische und Weinviertler Selbstbefindlichkeits-Serienkillerdelikte nachzustellen, denen dann ein Auto-Motor-Sport-Redakteur auf die Spur kommt und als besten Freund eine durchgegenderte Society-Journalistin sein Eigen nennt, die halbtags beim Mossad arbeitet und in der Wiener Innenstadt als Kulturattachés verbuchte Leute aus dem arabischen Raum aus dem Weg räumt.

Klingt doch gut, oder? Der Titelheld könnte dann auch die selbstverständlich lesbisch verirrte Frau sexuell heilen. Das muss in einem Krimi sein. Alle tot, aber Hauptsache gesund muss es am Ende eines Krimis heißen.

Tom Hillenbrand hat mit Drohnenland einen Krimi geschrieben, von dem gesagt werden muss, dass er vor den Enthüllungen Edward Snowdens konzipiert wurde, aber verdienterweise recherchemäßig Elemente retrospektiv vorwegnimmt, die heute längst als zukünftiges Allgemeingut gelten, weil die NSA ja immer mitliest und der Google und der Microsoft nicht auf der faulen Haut liegen.

Durch die Google-Brille

Die Geschichte im Drohnenland handelt davon, dass in absehbarer Zukunft wirklich wichtige Verbrechen zentral von "der EU" in Brüssel aufgeklärt werden und den Rest die lokale Dorfpolizei erledigt, wenn man nicht gleich eine Verkehrskontrollendrohne vorbeischickt, die mit eingebauter Panzerfaust ein Auto erschießt, weil es bei dunkelgelb über eine Ampel gefahren ist.

Kommissar Aaart van der Westerhuizen sitzt also in einem Brüsseler Büro und schaut Tatort im wörtlichen Sinn. Erstens regnet es im Europa der nahen Zukunft dauernd so stark wie in Blade Runner mit Harrison Ford (aber wem erzähle ich das?).

Zweitens machen es allgegenwärtige Google-Brillen, Wettersatelliten, Überwachungskameras und Drohnen möglich, über die Hilfsbrücke von Drogen und elektronischem Schabernack live in Realitäten einzutauchen, die keine physische Realpräsenz erfordern. Ok, das macht die Fernsehreihe Tatort schon seit Jahren, aber trotzdem zieht beim Lesen dieser mit ziemlicher Sicherheit wahr werdenden Zukunftsszenarien gelegentlich Gänsehaut auf, inklusive einer gewissen Dankbarkeit, Ende des Jahrhunderts nicht mehr hier zu sein, aber womöglich als Hologramm für immer in Datenbanken umzugehen, hoffentlich an einem guten Tag erwischt - wegen der Nachrede und so.

Totale Überwachung

Anders als bei der im Zeichen der guten Laune stehenden Dystopie und einer verstrahlten Zukunft in als Shopping Malls umfunktionierten Social Media beim aktuellen Roman Der Circle von Dave Eggers regiert bei Tom Hillenbrand in Drohnenland die totale Überwachung nicht nur des Lebens als Teilnehmer von Verkehrsstaus, Wartezeiten an Straßenbahnhaltestellen, auf öffentlichen Toiletten, in Restaurants oder beim Schwammerlsuchen im Wald, weil die Pilz-App heimlich mitliest. Das eigentlich Schreckliche ist, dass man in gar nicht einmal so virtuelle Parallelwelten nicht nur live im Sinne von "So geht Fernsehen!" eintauchen kann. Es wird auch alles auf ewig gespeichert. Sollte Kommissar Aart van der Westerhuizen also einmal Sehnsucht nach einem besonders schönen Starkregen im September vor zwölf Jahren haben, könnte er sich das im Büro jederzeit mit einer Pille, die gute Laune macht, reinziehen.

Die Handlung des Romans selbst ist eher nebensächlich. Es geht um einen ermordeten EU-Parlamentarier, die Simulation von Realität, digitale Fälschungen, um Korruption, Überwachungsstaat, die Festung Europa und Terroristen, die sich mittlerweile nicht nur im postnuklearkriegsmäßig gebeutelten arabischen Raum rekrutieren, sondern auch über radikal-christianistische Kreise die europäische Gesellschaft bedrohen. Selbstverständlich kommen auch immer noch wie Hundepunks anmutende Anarchisten mit Irokesenfrisur, Combathosen und schwarzen Sweaters vor. Sie werden in besetzten Fabriksgebäuden im dauerüberschwemmten Hamburg von Kampfdrohnen malerisch erschossen werden.

Dem Kommissar jedenfalls, und hier weicht Drohnenland kaum vom Formular ab, wird auf jeden Fall übel mitgespielt. Er ist von vornherein Spielfigur einer Intrige großen Stils. Der böse Mörder und das böse System sind von Anfang an kenntlich dargestellt.

Zum Trost aber darf der Bulle gegen Ende des Buches seine ihm treu ergebene und wie eine lesbische Kampfmaschine aus Stieg Larssons Krimis daherkommende digitale Forensikerin ganz in echt in 3-D vögeln. Das kommt dann ein wenig gar zu platt daher, weil das Ganze natürlich auch noch in einem Strandhaus im mediterranen Raum geschieht, während die Drohnen hinters Licht geführt werden, weil nach dem malerischen Sonnenuntergang überhaupt nachts eine Dunkelheit herrscht, wie man sie von früher aus den Zeiten kennt, in denen wir gerade noch am Leben sind.

Sex mit Sonnenuntergang

Das technische Wissen und die Plausibilität der zukünftigen technischen Schrecken und Wunder aber kann Tom Hillenbrand trotzdem nicht verbergen.

Drohnenland ist ein wieder einmal als Kriminalroman getarnter Zustandsbericht aus der nahen Zukunft. Und die Zukunft macht Angst, weil man schon in der Gegenwart ahnt, dass alles genauso kommen muss, wie es noch nicht einmal allgemein befürchtet werden wird.

In naher Zukunft lesen die alten Leute übrigens noch immer Zeitung. Nicht jeder hat Zugriff auf Realitätssimulationen aus der Speicherbank. Die Zeitung kommt als labbriger Fetzen aus Kunststoff daher. Eine LED-Leinwand getarnt als Rotztuch. Alles, was in der Zeitung steht, ist übrigens wahr. Drehen Sie sich jetzt um und nicken Sie Ihrer ganz persönlichen Drohne, die drei Meter hinter Ihnen leicht erhöht schwebt, freundlich zu. Sollten Sie es verabsäumen, diese Geste auszuführen, wird das als aggressiver Akt gedeutet werden. Sie essen laut Krankenakte zu viel illegales rotes Fleisch, rauchen verbotene Nikotinzigaretten und trinken Alkohol. Man wird Sie erschießen müssen. (Christian Schachinger, Album, DER STANDARD, 13./14.9.2014)

Tom Hillenbrand, Drohnenland, € 10,30 / 423 Seiten. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014

  • Schlechte Nachrichten: In naher Zukunft werden wir alle von Drohnen überwacht, bestraft und im Zweifel auch getötet werden. Das ist nicht schön zu lesen. Es ist aber notwendig, dass man das weiß.
    foto: apa/dpa/peter steffen

    Schlechte Nachrichten: In naher Zukunft werden wir alle von Drohnen überwacht, bestraft und im Zweifel auch getötet werden. Das ist nicht schön zu lesen. Es ist aber notwendig, dass man das weiß.

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