"Der Homo austriacus vernadert gern"

Interview13. September 2014, 12:00
65 Postings

Kulturphilosoph Wolfgang Müller-Funk über das Kernübel der politischen Kultur in Österreich, Kreiskys Hosentasche, massenmediale Armeen, die Selbstprovinzialisierung der österreichischen Politik und mittlere Möglichkeiten des Unmöglichen

STANDARD: Reden wir über politische Kultur. Was ist das eigentlich?

Müller-Funk: Der Begriff ist positiv aufgeladen, weil Kultur per se als etwas Positives angesehen wird. In den Kulturwissenschaften bemühen wir uns aber darum, nicht von Kultur und Unkultur zu sprechen. Es gibt eben verschiedene Kulturen. Skeptisch gesprochen, auch eine Diktatur oder ein autoritäres Regime hat eine bestimmte politische Kultur, aber eine andere als eine Demokratie. "Politische Kultur" meint also, welche Kultur soll eine Zivilgesellschaft haben und wie drückt sich das im Verhältnis Politik, Medien und dem Wahlvolk, also dem eigentlichen Subjekt der Demokratie, aus.

STANDARD: Wie steht's demnach um die politische Kultur in Österreich?

Müller-Funk: Wenn man sich Bilder ansieht, wie Kreisky geredet hat - der hat die Journalisten im Griff gehabt, sozusagen in der Hosentasche. Da gab es seit den 1980ern doch eine Transformation von einem relativ autoritären zu einem demokratischeren Stil. Es ist auch nicht mehr so einfach wie früher, Politiker zu sein, Politik zu machen. Demokratie ist nichts Kuschelweiches. Sie ist ziemlich knallhart. Da treffen Interessen und politische Konkurrenten aufeinander. Die Frage ist: Was erwartet man von einer demokratischen politischen Kultur unter posthierarchischen Vorzeichen? Ich würde sagen, ein gewisses Maß an Fairness und Autonomie aller Beteiligten. Da hat Österreich trotz positiver Veränderung doch einige problematische Seiten.

STANDARD: Welche zum Beispiel?

Müller-Funk: Es gibt so etwas wie einen strukturellen Mangel an Fairness. So ist es tatsächlich möglich, dass im ORF bei der Im Zentrum- Diskussion über die Russland-Ukraine-Krise nur eine Seite vertreten ist. Da findet niemand etwas dabei, dass niemand von der ukrainischen Gegenseite eingeladen wird. Das ist kein Einzelfall. Da ist in skandinavischen und angelsächsischen Ländern der Standard für Fairness - was geht, und was nicht - doch höher. Oder - der Siegeszug des Investigativjournalismus, der ja auch wichtig ist: Es gibt in all diesen Dingen einen merkwürdigen Kipppunkt, wo etwas, das eigentlich kritisch intendiert ist, plötzlich in eine gnadenlose Vernaderei mündet. Das ist schon eine weit verbreitete Volkseigenschaft des Homo austriacus: Er vernadert gern und ist hämisch. Das erklärt auch die Lust, die Politiker klein und schäbig zu machen.

STANDARD: Was lässt sich aus der österreichischen Politik selbst ableiten?

Müller-Funk: Das Kernübel der österreichischen politischen Kultur ist der Mangel an politischen Alternativen. Ich habe als Wahlsubjekt nicht die Wahl zwischen zwei politischen Alternativen, sondern ich muss eine unmögliche politische Option, nämlich zwei Parteien, die sich gegenseitig neutralisieren, wählen - oder eine Oppositionspartei. Und es gibt einen Populismus, der der Politik nicht gut bekommt - einen medialen und einen der Politiker.

STANDARD: Haben die große Koalition und der reale oder gefühlte Mangel an Alternativen in Österreich die politische Kultur hierzulande ruiniert?

Müller-Funk: Das würde ich schon sagen. Auf der einen Seite sind die Menschen selbstbewusster geworden, aber das wird überlagert von einem Unbehagen an der Politik, das zumindest zwiespältig ist, weil es daherkommt als "die Politik": "Die" sind alle korrupt, "die" tun nichts für uns. Man kennt diese Art von Stammtisch. Dieses Unbehagen an der Politik hat einen merkwürdigen Kehrpunkt. Ich will die römische Demokratie nicht mit der Massendemokratie gleichsetzen, aber man hat die Volkstribune ja als Volkes Stimme gegen die Politik, den Senat gestellt. Aus den Volkstribunen gingen später die Diktatoren hervor. Dieses Moment des Tribunalismus hat eine korrektive Seite, aber radikal durchgeführt eine für die Demokratie höchst prekäre und kontraproduktive Seite.

STANDARD: Man hat das Gefühl, dass in der Beziehung zur Politik, für die lange das Wort "Politik(er)verdrossenheit" genügt hat, eine neue Stufe erreicht ist: nachgerade Verachtung für die politische Kaste, die als Gruppe von Nichtsnutzen, Nichtstuern, Nichtsweiterbringern verunglimpft wird.

Müller-Funk: Politikverdrossenheit klingt weniger stabil als das strukturelle Unbehagen an und mit der Politik, das sozusagen Teil der Demokratie wurde. Die Frage ist, warum haben wir so ein Bedürfnis nach Politikern, die kuschelweich sind, dauernd in der Menge baden usw.? Das sind ja auch die, die Enttäuschungen hervorrufen. Vielleicht vermitteln wir ja ein völlig falsches Bild von der Politik. Mit "wir" meine ich Medien, aber auch Intellektuelle und Politiker selbst. Politik ist ein knallharter professioneller Job, und das sollte man der Bevölkerung auch so vermitteln, dass gute Politiker relativ langweilig sind, dass sie sich bemühen, sachorientiert zu sein, dass sie moderieren können.

STANDARD: Was zeichnet die weniger stabile Politikverdrossenheit aus?

Müller-Funk: Man kann sie immer weiterschieben. Der Bürgermeister ist noch nett, den sieht man ja auch. Auch die Landespolitiker haben gar nicht so schlechte Beliebtheitswerte. Bei den Bundespolitikern sieht's dann schon sehr viel schlechter aus. Ein Grund, meine ich, ist tatsächlich diese große Dauerkoalition. Und dann hat man noch die EU-Ebene, wo man sich am meisten abputzen kann. Dazu leisten viele Boulevardmedien, aber auch die nationale Politik einen Beitrag. Das halte ich für besonders kontraproduktiv.

STANDARD: Wie sähe da produktive Politik aus?

Müller-Funk: Was wir bräuchten, wären sehr gut ausgebildete, sehr professionelle Politiker. Politiker, die dann eben auch in europäische Institutionen aufsteigen und sichtbar werden. Das Beispiel Franz Fischler zeigt ja, dass das möglich ist. Warum sollten nur Belgier, Luxemburger, Portugiesen oder Polen geeignet sein, eine sichtbare Stellung in der EU wahrzunehmen? Aber das hängt offenkundig damit zusammen, dass sich die politische Klasse in Österreich auch unter dem Druck der Massenmedien entschlossen hat, bei der europäischen Integration nicht vorneweg zu marschieren, sondern im Hinterfeld. Man will nichts riskieren. Man ist ein bisschen feig. Die Ernte davon ist Selbstprovinzialisierung. Wir verlassen uns doch im Wesentlichen auf unsere Achse, den "großen deutschen Bruder", den wir nicht immer lieben, aber der wird schon ein bisschen was für uns tun.

STANDARD: Welche Rolle haben Medien für die politische Kultur?

Müller-Funk: Medien sollten zu beiden Seiten ein kritisches Verhältnis haben. Nicht eilfertig den Politikern hineinkriechen, aber sich auch nicht der jeweiligen Stimmung in der Bevölkerung anbiedern. Bei den ORF-Sommergesprächen sagt der Moderator: "Ich stelle Ihre Fragen." Ich hätte ganz gerne, dass er seine Fragen stellt und nicht so tut, als wäre er vom Konsumentenschutz gegen die Politik. Diese Rollenverteilung stimmt nicht. Von Medien erwarte ich, dass sie einen konstitutiven Beitrag für die Erhaltung einer zivilen, massendemokratisch orientierten Gesellschaft leisten, also etwas Übergeordnetes. Denn in einer Welt mit so vielen Partialinteressen besteht ein Mangel an übergeordneten Instanzen. Das wäre für die politische Kultur in diesem Land wichtig, aber ich glaube, solange wir nicht wegkommen von dieser strukturellen Korruption namens große - oder mittlere oder kleine große - Koalition, wird sich daran nicht wirklich etwas ändern.

STANDARD: Und welchen Beitrag können oder sollen Intellektuelle zur politischen Kultur eines Landes leisten?

Müller-Funk: Der Soziologe Karl Mannheim hat das Konzept des freischwebenden Intellektuellen entwickelt, der jeder politischen Partei, sofern sie sich den Spielregeln zugehörig weiß, aufgeschlossen gegenübersteht, nicht parteipolitisch agiert, sondern sichtbar den Erhalt des Gesamten im Auge hat. Das ist etwas, das moderne Massendemokratien brauchen, das aber auch besonders gefährdet ist. Mannheims Buch Ideologie und Utopie entstand 1929 ja nicht ohne Grund in einer Zeit, als durch den Aufmarsch autoritärer Bewegungen, die ja nicht zuletzt häufigst massenmediale Armeen an ihrer Seite hatten. Dieses Problem wird sich wahrscheinlich auch noch verschärfen.

STANDARD: Was war für Sie die schlimmste "Kulturlosigkeit" in der österreichischen Politik, ein Tiefpunkt?

Müller-Funk: Wir haben so ein mittleres Maß an Unmöglichkeiten. Man traut sich nicht so skandalöse Geschichten wie in Italien oder Ungarn. So absolute Spitzenleistungen hätten ja noch den Vorteil, dass sie wahrnehmbar sind, dass man sagt, das ist unmöglich. Aber es ist zum Beispiel nicht unmöglich, dass eine Ministerin Parlamentspräsidentin wird. Das ist kein Skandal. Hierzulande ist es nur keine besonders gute Optik. Wir bilden uns immer ein, dass es bei uns besonders schlimm ist, aber da sind wir wieder bei der selbstgewählten Provinzialität. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 13.9.2014)

Wolfgang Müller-Funk (61), Kulturphilosoph und Essayist, studierte an der Universität München Germanistik, Geschichte, Philosophie und Spanisch, lehrt und forscht am Institut für Europäische und Vergleichende Sprach- und Literaturwissenschaft der Uni Wien.

  • "Demokratie ist nichts Kuschelweiches" - für die Politiker, aber auch für die Wähler, zumal in Österreich, sagt Wolfgang Müller-Funk: "Ich muss eine unmögliche politische Option, nämlich zwei Parteien, die sich gegenseitig neutralisieren, wählen - oder eine Oppositionspartei."
    foto: heribert corn

    "Demokratie ist nichts Kuschelweiches" - für die Politiker, aber auch für die Wähler, zumal in Österreich, sagt Wolfgang Müller-Funk: "Ich muss eine unmögliche politische Option, nämlich zwei Parteien, die sich gegenseitig neutralisieren, wählen - oder eine Oppositionspartei."

Share if you care.