Das Spatzi will kein Spatzi mehr sein

Kolumne12. September 2014, 17:07
78 Postings

Brautpanik im Hause Lugner

Das fängt ja gut an. Nicht einmal eine Woche vor ihrer Verehelichung mit Herrn Lugner muss Frau Schmitz daraufkommen, dass sie ihr Gatte bereits vor der Hochzeit gelegt hat. Irgendwer hat der vollbusigen Kölner Frohnatur mit der großen Familie nämlich gesteckt, dass der Spatzname Spitzi - Pardon: der Spitzname Spatzi - im Wienerischen nicht nur für einen kleinen Sperling steht, sondern auch schalkhaft für das männliche Glied. Kein Wunder, dass Cathy auf Puls 4 aus allen Wolken fiel ("Penis? Du nennst mich Penis?").

Natürlich: Die Nervosität von Frau Schmitz ließe sich auf den ersten Blick auch als triviale Brautpanik deuten. Wenn die Hochzeitsnacht dräut und die Entjungferung bevorsteht, werfen sensible junge Frauen gern die Nerven weg und stellen sich entscheidende Fragen über den Charakter ihres Mannes: Liebt er mich wirklich, oder begehrt er nur meinen Körper? Hat er tatsächlich erst 81 Jahre auf seinem Baumeisterbuckel oder womöglich schon 85?

Tatsache ist aber auch, dass vom männlichen Geschlechtsteil abgeleitete weibliche Kosenamen ("Geh, Beutel, magst mir noch ein Bier holen?") hochgradig unbeliebt sind. Laut Umfragen führender Frauenzeitschriften lassen sich die meisten Frauen nur widerwillig als "Nudel", "Zipfel" oder "Stangl" bezeichnen. In höhergestellten Kreisen macht man sich durch die Verwendung entsprechender Apostrophierungen überhaupt sozial unmöglich ("Frau Gräfin, darf ich Sie mit Schniedelwutz ansprechen?").

So gesehen stimmt misstrauisch, dass Lugner seine Cathy nicht nur über die gamsige Nebenbedeutung des scheinbar unverfänglichen "Spatzi" im Unklaren gelassen hat - das ginge noch als bochener Altwiener Baumeisterhumor durch -, sondern darauf besteht, ihr weiterhin sein "Spatzi" reinzudrücken. Jedenfalls hat er kategorisch ausgeschlossen, auf harmlose Kosenamen-Klassiker wie "Schatzi" oder "Schnucki" umzusteigen.

Wenn sich Frau Lugner-Schmitz nicht gleich zu Ehebeginn unterbuttern lassen will, wird ihr nichts anderes übrigbleiben, als schnell ein Zeichen des Widerstands zu setzen. Gratistipp des Krisenkolumnisten: Einfach den Spieß umdrehen, den Gatten seinerseits bei der Geschlechtsehre packen und ihn beherzt mit einem sexuell unpassenden Kosenamen ansprechen. Muschi statt Mörtel wäre für den Anfang nicht schlecht. (Christoph Winder, Album, DER STANDARD, 13./14.9.2014)

Share if you care.