Der Krumbach-Effekt 

14. September 2014, 19:36
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In Krumbach haben sich sieben Architekten verewigt - mit Buswartehäuschen. Im AzW kann man sich davon ein Bild machen. Auch ohne auf den Bus warten zu müssen

Das mit dem Warten ist so eine Sache. 30 Minuten verlorene Zeit für nichts und wieder nichts. Dass diese Zeitspanne jedoch nicht qualvoll sein muss, sondern sinnvoll gestaltet und sogar von einem gewissen kulturhedonistischen Genuss erfüllt sein kann, beweist das Projekt "Bus:Stop Krumbach" im Bregenzerwald.

Sieben individuelle Wartehäuschen stehen da am Straßenrand, entworfen von sieben ebenso unterschiedlichen Architekten zwischen Chile und der Volksrepublik China, und bieten dem Wartenden nicht nur Obdach (sofern sie diesen Aspekt überhaupt erfüllen), sondern auch Stoff für ethnologisches Studium. Man muss nicht unbedingt den Vorarlberger Landbus abwarten: Ab kommenden Donnerstag sind die Entwürfe und Modelle der Wartehäuschen im Architekturzentrum Wien (AzW) zu bewundern.

Keine Vorarlberger Architekten

"Das Warten auf den Bus hat eine räumliche Faszination", sagt Dietmar Steiner, Kurator des Haltestellenprojekts und Direktor des AzW. "Mitten im Nirgendwo entsteht plötzlich eine kollektive Identität alleine dadurch, dass man gemeinsam dasitzt oder dasteht und nichts tut. Und in der Regel - natürlich nicht in Vorarlberg - kommt der Bus dann auch noch mit Verspätung."

Dass in das Projekt keine Vorarlberger Architekten einbezogen wurden, habe einen guten Grund. "Die Vorarlberger Baukünstler der dritten Generation sind bereits so verfeinert und fast schon so dekadent in ihrer Perfektion, dass wir uns dachten, ein bissl Schmutz und Irritation von außen wird ihnen schon guttun", so Steiner - und verweist etwa auf den archaisch wirkenden Warteturm von Alexander Brodsky, der sich mit schnell hingefetzten Skizzen statt millimetergenauer Detailpläne und Kabelbindern aus dem Baumarkt statt flächenbündig versenkten Designer-Kreuzschlitzschrauben begnügt.

Wartehäuschen vom Pritzker-Preisträger

Ebenfalls mit von der Partie: De Vylder Vinck Taillieu (dvvt) aus Gent mit einer Skulptur aus dreieckigen zusammengeschweißten Stahlplatten, Rintala und Eggertson (Bodø, Norwegen) mit einem Hochsitz samt Blick auf den benachbarten Tennisplatz, Ensamble Studio (Madrid) mit einem Konglomerat aus Brettern, das ein wenig an einen Haufen gestapelter Europaletten erinnert, der chinesische Pritzker-Preisträger Wang Shu mit einer überdimensionalen Camera obscura, in der man wie in einer alten Linhof-Ziehharmonika-Kamera Platz nehmen kann, sowie der chilenische Architekt Smiljan Radic mit einem gläsernen Raum, einer - wie er meint - transparenten Neuinterpretation der Bregenzerwälder Stube. Der Prototyp steht im Museumsquartier und lädt zum Warten im Maßstab 1:1 ein.

Der einzige Bus-Stop, der seine Wartenden mitunter im Regen stehen lässt, ist das Projekt des japanischen Architekten Sou Fujimoto - eine acht Meter hohe, filigrane Stangenskulptur aus Holz und Stahl, die man auf wackeligen Stufen erklimmen kann. Schönwetter muss man halt haben. Mehr Schutz als unter den Stufen ist nicht.

Die Baukosten für "Bus:Stop Krumbach" belaufen sich auf rund 350.000 Euro. Das Projekt wurde ausschließlich privat sowie über Sponsoring finanziert. (Wojciech Czaja, DER STANDARD, 13.9.2014)

"Bus:Stop Krumbach" im AzW, Museumsquartier. Eröffnung am 17.9.

Link

azw.at

  • Das Projekt des japanischen Architekten Sou Fujimoto ist das einzige, das die Wartenden im Regen stehen lässt. Dafür kann die Stangenskulptur erklommen werden - etwa, um Ausschau nach dem Bus zu halten.
    foto: adolf bereuter

    Das Projekt des japanischen Architekten Sou Fujimoto ist das einzige, das die Wartenden im Regen stehen lässt. Dafür kann die Stangenskulptur erklommen werden - etwa, um Ausschau nach dem Bus zu halten.

  • Etwas windgeschützter wartet es sich in der überdimensionalen Camera obscura von Pritzker-Preisträger Wang Shu.
    foto: adolf bereuter

    Etwas windgeschützter wartet es sich in der überdimensionalen Camera obscura von Pritzker-Preisträger Wang Shu.

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