Gnadenlos - Wenn die Zeit knapp wird

13. September 2014, 15:00
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Jenseits der fünfzig beginnt die Gnade des Wahns vom grenzenlosen Zeithaben zu schwinden. Wie aber bewältigen wir die Einsicht in unsere Endlichkeit? Wie die daraus resultierende Unduldsamkeit und Intoleranz?

Unlängst (wieder einmal) im Bogenschießen-Dojo: Ein Wort gibt das andere, jeder achtet nur auf die eigenen Bedürfnisse, und fast hätten wir uns in die Haare gekriegt. Wegen nix. Keine Spur von Gelassenheit.

Doch dann macht einer Platz, tritt ein wenig von seiner Position zurück. Dies macht einer anderen Platz, auch sie lässt nun nach. In den so entstehenden Raum kommt die Zeit zurück, und wir finden eine gemeinsame Lösung.

Von alten Menschen heißt es gelegentlich, dass sie der Ewigkeit nahe seien. Nicht für alle älteren Leute, die ich kenne, kann ich das bestätigen, ja sogar eher nur für wenige. Sie sind die Ausnahme von der Regel. In einem Alter, das dem Dasein in Zeitlosigkeit am nächsten zu sein scheint - und was ist Ewigkeit anderes als die Abwesenheit der vergehenden Zeit -, sind eher die 40- bis 50-Jährigen, mit einer Schwankungsbreite von sagen wir fünf Jahren nach oben und unten.

Sie haben den Wettlauf um Positionen und Güter hinter sich, haben die wichtigsten Weichenstellungen ihres Lebens meist nicht mehr vor sich. Zugleich ist ihnen der Tod so fern, dass sie die allseits beliebte Illusion, man lebe ewig, zwar nicht intellektuell, wohl aber dem Gefühl nach pflegen wie zu keiner anderen Zeit ihres Daseins. Und wann ist man schon scharfsichtig selbstreflexiv? Praktisch nur, wenn die ärztliche Instanz hinterm Schreibtisch anhebt, einem das Resultat der Gesundenuntersuchung zu eröffnen. Nein, die kurz vor der Midlife-Crisis Stehenden leben in der Gnade des Wahns eines grenzenlosen Zeithabens, ohne zu ahnen, wie bald sie aus dem Paradies verstoßen werden.

Rastlosigkeit

Die Alten leben nicht in solcher Seinsvergessenheit. Um sie herum sterben Freunde und Bekannte zwar nicht wie die Fliegen, aber es häufen sich Leichenschmause und plötzliche Schwersterkrankungen. Das Wissen um die Endlichkeit des Daseins, der Stressfaktor des Lebens, schleicht sich aus der bloßen Berechnung des Verstandes ins Existenzgefühl ein, nistet sich ein wie eine falsche Elster und beginnt krebsartig zu wuchern, bis es den ganzen Organismus durchwachsen hat.

Nicht mehr alle Zeit der Welt zu haben, im Gegenteil, immer weniger Zeit vor sich als hinter sich zu haben, erzeugt bei den Menschen jenseits der Fünfzig eine nur allzu gut bekannte Rastlosigkeit. Eine Art Syndrom breitet sich aus, jetzt noch schnell dies und jenes erleben zu müssen, tun oder erreichen zu wollen, durchzusetzen, durchzubringen und wie für die Ewigkeit möglichst fix einzurichten.

Gäbe es die Möglichkeit, mittels Testament alles, was nachher noch kommen mag, fix zu bestimmen, wäre die menschliche Geschichte längst zum Stillstand gekommen. Denn jene, die ihr Ende fühlen, geraten aus dem Stand der Gnade, der darin besteht, dass man ja leben darf, dass einem Zeit geschenkt ist, in ein rastloses Noch: und damit in ein Verhalten der Unduldsamkeit, der Intoleranz, der Unzufriedenheit, kurz, der Gnadenlosigkeit. Wer kennt sie nicht, die "störrischen Alten"?

Obwohl, wenn man so auf die Zeitläufte blickt, die uns alle beunruhigen, dann scheinen heute alle möglichen Lebensalter vom Laster der Gnadenlosigkeit befallen, infiziert, ja zerfressen. Ganze Völker gönnen ihren Nachbarn kein Selbstbestimmungsrecht, wenn sie einander nicht überhaupt das Existenzrecht absprechen. Jedes Verhalten wird gnadenlos als zutiefst böse und unmenschlich abqualifiziert, und ein Bewusstsein dafür, dass solche Abqualifizierung ebenso unzivilisiert ist, fehlt fast völlig.

Und junge Leute eilen in Gebiete, wo sie ihrer Gnadenlosigkeit freien Lauf lassen, oder tun ihre widerredelose militärische "Pflicht", geschult und angestiftet von der Erbarmungslosigkeit der herrschenden Gesellschaften und ihrer Staatengebilde, angeblicher Religionen und vorgetäuschter, aus bloßem Eigennutz zusammengebastelter Ethnien. Alle diese jungen und erwachsenen Menschen scheinen keine Zeit zu haben, auf allseits verträgliche Lösungen warten zu können, sie wollen das Paradies, jetzt, und erzeugen dabei nichts als die Hölle.

Aber auch abgesehen von solch extremen Massenphänomenen hört man allenthalben die Klage darüber, wie gnadenlos die Leute miteinander umgehen, siehe nur die Raserei der Postings. Doch nicht nur im anonymen Schimpf- und Speibereich, auch im persönlichen Umgang macht sich in diesen verstressten Zeiten eine Unduldsamkeit, eine Überprägnanz eigener Meinungen breit, auf deren Grundlage man einmal so richtig die Sau rauslassen kann und selbst so richtig lustvoll gnadenlos mit anderen umspringt.

Die Auswahl an Themen, die Anlass zum Ausbruch verbaler Schlägereien geben, hat in diesen Zeiten sprunghaft zugenommen, es besteht an ihnen kein Mangel, und es ist kein Wunder, wenn sich plötzlich Freunde beim hingebungsvoll selbstgekochten Dinner in die Haare kriegen, als gäbe es kein Morgen, und auch einmal selbst so sind wie die angeblich verachteten Kriegsherren.

Es ist ganz im Gegenteil immer wieder ein Wunder, wenn sich in solchen Situationen Leute auch zurücknehmen, ihre Positionen überdenken und relativieren, ihre Härte aufweichen und sich selbst sowie den anderen Zeit zum Aufatmen schenken, um so vielleicht zu unkonventionelleren Einverständnissen und zu kreativeren Lösungen zu kommen. Gnadenlos zu sein verhindert Kreativität, das ist nun mal so, weil sie extrem kurzatmig ist, wenig bis keine Zeit lässt, eine von zwei Positionen zu vernichten bestrebt ist, also etwas Simples jetzt und sofort will, statt etwas Komplexeres, etwas noch Unbekanntes, etwas zwischen allen Ausbalancierteres sich von selbst entwickeln zu lassen.

Nichts fehlt

Ein Mantra, das in Situationen hilft, in denen man die unheimlich anziehende Lust verspürt, ohne Rücksicht auf Verluste gnadenlos zu sein, ist das paradoxe Wort "Nichts fehlt". Ohne dass man spirituell abheben müsste, kann man das ohne weiteres zu jeder Zeit, an fast jedem Ort ausprobieren und sich innerlich vorsagen. Gelassenheit kehrt ein und breitet sich aus wie ein Zeithof, in dem die vergehende Zeit kein Ärgernis ist, sondern zu einem Ereignis wird. Oder zu einer fortlaufenden Perlenkette von Ereignissen.

Wem das Spanisch klingt, der halte das Unwort "Alles ist da" kontrastiv dagegen: wirkt nicht. Denn man fragt sich sofort, ob denn wirklich alles da ist, und man wird unweigerlich bedenken, was alles fehlt. Und schon setzt Kurzatmigkeit ein, man verfällt in Aktionismus und Unduldsamkeit.

Das Mantra "Nichts fehlt" motiviert dagegen die eingeborene Kreativität, die darauf wartet, erweckt zu werden und ihr Spiel beginnen zu dürfen. "Nichts fehlt" lässt das Unvollkommene vollkommen erscheinen. (Das Butterbrot mit Schnittlauch wird zum Lebensmittel schlechthin. Die gerade anwesenden Mitmenschen entpuppen sich als Repräsentanten der Menschheit, und zwar bis in die winzigsten Eigenheiten hinein gerade so, wie sie sind. Das bescheidene Zimmer, in dem ich sitze, enthüllt, nein, ist die Verwirklichung universeller Gesetze, und zwar mit seinen Schadstellen, seinen Wasserflecken, seinem Geruch. Und so weiter. Die vom Baum herabgefallenen Blätter sind das Muster meiner Gelassenheit und da durch die Pforte zum momentanen Paradies.)

Natürlich fehlt auf einer anderen Ebene viel, bei vielen Menschen sogar sehr viel. Es gibt viel zu tun, unglaublich viel. Schon klar. Aber mit diesem Mantra wird man sich vielleicht anderes wünschen, wird man anders tun: nämlich gnädiger, sich und anderen gegenüber. Die Zeit macht den Regenbogen. (Diethard Leopold, Album, DER STANDARD, 13./14.9.2014)

Diethard Leopold ist Psychotherapeut und Vorstand des Leopold-Museums und praktiziert das japanische Kyudo - Bogenschießen als Meditation in Aktion (www.kyudo-vienna.net). Vor ziemlich genau einem Jahr erschien im ALBUM sein Essay "Zeit im Zen".

  • Jene, die ihr Ende fühlen, geraten aus dem Stand der Gnade, der darin besteht, dass man ja leben darf, in ein rastloses Noch: und damit in ein Verhalten der Unduldsamkeit, der Intoleranz, der Unzufriedenheit, kurz, der Gnadenlosigkeit. Wer kennt sie nicht, die "störrischen Alten"?
    foto: matthias cremer

    Jene, die ihr Ende fühlen, geraten aus dem Stand der Gnade, der darin besteht, dass man ja leben darf, in ein rastloses Noch: und damit in ein Verhalten der Unduldsamkeit, der Intoleranz, der Unzufriedenheit, kurz, der Gnadenlosigkeit. Wer kennt sie nicht, die "störrischen Alten"?

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