Eine Insel kauft sich frei und versorgt sich mit erneuerbarer Energie

Ansichtssache12. September 2014, 15:40
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1997 beschlossen die Bewohner der schottischen Insel Eigg, sich über eine Stiftung selbst zu verwalten. Statt zeitlich begrenzter Stromversorgung aus Dieselgeneratoren gibt es heute rund um die Uhr Energie aus Wind-, Wasser- und Sonnenkraft

Neun Kilometer ist das Eiland lang und fünf Kilometer breit. Seine Fläche entspricht etwa jener des Wiener Gemeindebezirks Favoriten. Während Favoriten fast 190.000 Einwohner zählt, leben auf Eigg nur 90 Menschen. 90 ambitionierte Menschen.

Nach schottischem Recht unterstand die zu den Inneren Hebriden zählende Insel jahrhundertelang Landlords. Von den 500 Menschen, die im 19. Jahrhundert noch auf der Insel lebten, war die Population bis 1997 auf 65 zusammengeschrumpft.

Eine Stiftung und ihre Töchter

Sie eröffneten damals in Partnerschaft mit dem Highland Council und dem Scottish Wildlife Trust eine gemeinnützige Stiftung namens Isle of Eigg Heritage Trust und kauften darüber ihre Heimat offiziell auf.

Der wesentliche Antrieb für die Bewohner Eiggs war die Möglichkeit der Selbstverwaltung. Heute betreiben sie unter dem Dach der Stiftung drei Tochterunternehmen. Eines ist spezialisiert auf Infrastruktur wie Post und die Versorgung mit Lebensmitteln und Alltagsgegenständen, eines auf Bautätigkeiten und eines auf die Energieversorgung.

Solarpaneele und Windräder statt Dieselgeneratoren

Obwohl nur einen Steinwurf vom Festland entfernt, wurde Eigg nie an das öffentliche schottische Stromnetz angeschlossen. Täglich ratterten die Dieselgeneratoren, und nachts war Strom nur frommes Wunschdenken.

Dabei eignete sich die Insel, weil sie immer den Gezeiten, dem Wind und der Sonne ausgesetzt ist, trefflich zur Produktion erneuerbaren Stroms. Die Bewohner Eiggs taten also das Naheliegende und beschlossen, ihren Energiehaushalt mit Wind-, Wasser- und Sonnenkraft auszugleichen.

Die Lotterie zahlt mit

Sie verlegten Kabelstränge über die ganze Insel, installierten Solarpaneele auf den Dächern und richteten an der Küste sogar Pfeiler mit Windrädern auf. Die Anschubfinanzierung von 1,66 Millionen Pfund wurde aus Stiftungsgeldern, Spenden und Mitteln der britischen Lotterie bestritten.

Bis sich die Investition amortisiert hat und die Energie nicht nur nachhaltig, sondern auch günstig produziert wird, wird es freilich noch dauern. Im Februar 2008 hat es jedenfalls zum ersten Mal rund um die Uhr Strom auf Eigg gegeben. Heute wird der Energiebedarf zu über 95 Prozent mit erneuerbarer Energie gedeckt.

Die Unabhängigkeitsdebatte holt auch Eigg ein

Die Population von Eigg ist deshalb wieder um ein knappes Drittel gestiegen. Frühere Bewohner sind zurückgekommen und neue, auch junge Menschen zugezogen. Sie hat nun die Debatte um eine Sezession Schottlands vom Vereinigten Königreich eingeholt - nicht nur weil sie sich selbst auf gewisse Weise unabhängig gemacht und von Kommunalpolitikern losgesagt haben, sondern auch weil ihre bewusste Entscheidung für erneuerbare Energie zum Spielball der Ideologien wurde. Sowohl die Separationsbefürworter als auch die Separationsgegner warnen vor einem Rückschritt der nachhaltigen Stromproduktion durch das Ergebnis des Referendums.

Das Beispiel Eigg zeige, dass Selbstverwaltung mehr Entscheidungsmöglichkeiten biete, als durch die zentrale Administration in London möglich ist, argumentieren die Nationalisten. Die probritischen Stimmen befürchten, dass Projekte wie in Eigg künftig schon an der Startfinanzierung scheitern könnten, weil sie nicht auf das gesamte Königreich, sondern nur auf die schottische Verwaltung abgewälzt werden könne. Worin sich Vertreter beider Fraktionen einig sind: Eigg ist Versuchslabor und Vorbild für ähnliche Projekte zugleich. (mcmt, derStandard.at, 12.9.2014)


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