"Man muss etwas wollen“ 

Porträt13. September 2014, 09:37
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Vom Arbeiterkind zur Managerin. Über die Expolitikerin Brigitte Ederer - ihre Karriere, Kinderlosigkeit und Angst vorm Fliegen

Man könnte sie unterschätzen. Ja, man könnte sie unterschätzen, wie sie in einem quergestreiften T-Shirt, ungeschminkt und mit flachen Schuhen um die Ecke biegt und an der Querseite des Konferenztisches Platz nimmt – nicht etwa an der Stirnseite. Keine Insignien der Macht, nirgends. Brigitte Ederer hat ein bescheidenes Büro in der Leopoldstadt, dem 2. Wiener Gemeindebezirk angemietet, wo sie seit vielen Jahren auch lebt. Seit September 2013 ist sie nicht mehr Personalchefin im Vorstand der Siemens AG in München, seit kurzem ist sie Aufsichtsratsvorsitzende der ÖBB-Holding.

"Mir ist lieber, ich werde unterschätzt als überschätzt“, sagt sie lachend. Immer burschikos, immer auf Augenhöhe, so ist sie halt, die "Gitti" aus Floridsdorf. Die Süddeutsche vermutete ob dieses Rufnamens den österreichischen Hang "zum Diminutiv, zur Verharmlosung" und Ederer ist das nur recht: "Das verschafft einem einen Spielraum, den man ausnützen kann, wenn es ernst wird", erklärt sie.

Viel Spielraum hatte sie nicht als Kind einer alleinerziehenden Mutter aus dem Waldviertel, die "zu anderen Leuten in Bedienung gegangen ist", wie sie das ausdrückt. "Heute sagt man Putzfrau", fügt sie hinzu. Das Gymnasium und ein Studium der Volkswirtschaft gingen sich trotzdem aus für die 1956 geborene. "Die Gesellschaft war viel durchlässiger als heute in den 70er-Jahren", sagt sie und nennt die "Aufbruchsstimmung der frühen Kreisky-Jahre" als Begründung. "Dafür werde ich der Sozialdemokratie ewig dankbar sein", betont sie.

Oft die Erste

Als Vorbilder nennt sie dementsprechend zwei Kollegen aus der SPÖ, den späteren Finanzminister Ferdinand Lacina, ihren Mentor in der wirtschaftswissenschaftlichen Abteilung der Arbeiterkammer, wo Ederer 1977 bis 92 arbeitete, und Johanna Dohnal, die erste Frauenministerin Österreichs. Die erste Frau war auch Brigitte Ederer in vielen ihren Ämtern: Die erste Abgeordnete der SPÖ unter 30 Jahren im Nationalrat im Jahr 1983, die erste weibliche Bundesgeschäftsführerin der SPÖ 1995, die erste Wiener Finanzstadträtin 1997 und nach ihrem Ausscheiden aus der Politik im Jahr 2000 und dem Wechsel in den Vorstand der Siemens AG Österreich ab 2005 die erste Generaldirektorin und Vorstandsvorsitzende.

"Ich habe keine dieser Positionen angestrebt", sagt sie. "Mir war und ist es nicht wichtig, die Erste zu sein, aber eine gewisse Macht wollte ich schon, um etwas verändern zu können." "Macht ist ja durchaus etwas Positives, weil sie Gestaltungsmöglichkeiten eröffnet", fügt sie hinzu. Ob sie sich vorstellen könne, wieder in die Politik zu gehen? "Nein", sagt sie mit Bestimmtheit und fragt nach: "War das jetzt zu unfreundlich? Mein Mann (der Europapolitiker Hannes Swoboda Anm. d. Red.) sagt immer, ich hab so ein unfreundliches Waldviertler Nein."

Als ihren größten Erfolg bezeichnet sie, dass sie als Europa-Staatssekretärin zum EU-Beitritt Österreichs beigetragen habe. Als ihre größte Niederlage sieht sie weder den so genannten "Ederer-Tausender" (den Schillingbetrag, den sich ihrer Meinung nach die durchschnittliche österreichische Familie durch den EU-Beitritt jährlich sparen sollte und der, je nach Rechenmethode, mehr oder weniger eingetreten ist) – noch, dass sie nach dem Abgang Alfred Gusenbauers nicht als Bundesparteivorsitzende der Sozialdemokraten zum Zug kam: "Das war für mich überhaupt kein Thema“, betont sie. Und: "Das war nicht die Zeit, wo eine Frau Parteivorsitzende wird."

Wenn Quoten "die Falschen" fördern

Als Feministin versteht sie sich in dem Sinn, dass sie "die völlige Gleichstellung von Frauen in der Gesellschaft" will. Die Quote für Aufsichtsratspositionen fördere aber "die Falschen". "Wenn eine Frau für so eine Position in Frage kommt, ist sie ja schon etabliert, gefördert gehören die heute 30 bis 40jährigen Frauen", erklärt sie ihre Sicht. Trotzdem bringe die Quotendiskussion etwas, "weil die Unternehmen müssen sich des Themas annehmen". Ederer selbst sitzt in sechs Aufsichtsräten, ihren Aufsichtsratsposten in der ÖIAG hat sie kürzlich niedergelegt.

Das Ausscheiden aus dem Siemens und damit aus dem aktiven Berufsleben habe sie sehr getroffen und "der Umgang mit den Gewerkschaften als Personalchefin". "Für jeden vernünftigen, halbwegs anständigen Menschen ist es belastend, Leute abzubauen, unabhängig von der Parteizugehörigkeit", sagt sie. Und: "Das möchte ich in meinem Leben nicht mehr tun."

Was sie jungen Frauen heute auf ihren Karriereweg mitgeben würde? "Man muss etwas wollen, wenn man etwas erreichen will." Und: "Alles hat seinen Preis – ich hatte und habe ein wunderbares, spannendes Leben, aber ich habe keine Kinder." Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sei in Mitteleuropa leider noch immer nicht gegeben.

Jetzt, mit 58 Jahren, wolle sie sich gern mehr von der Welt anschauen. Dem entgegen steht ihre große Flugangst, an der sie seit Jahren laboriert. "Ich habe mich für die Siemens drei bis vier Mal in der Woche ins Flugzeug hineingezwungen, Flugangstseminare helfen mir leider gar nicht“, erzählt sie. Aber vielleicht nützt ihr auch da "eine gewisse, zunehmende Gelassenheit, die ich mit 40 noch nicht hatte, dieser Stress, sich zu positionieren, lässt nach – dafür tut mir jetzt das Kreuz weh. Aber das passt schon." (Tanja Paar, DER STANDARD, 13.9.2013)

  • Brigitte Ederer: "Mir war und ist es nicht wichtig, die Erste zu sein, aber eine gewisse Macht wollte ich schon."
    foto: cremer

    Brigitte Ederer: "Mir war und ist es nicht wichtig, die Erste zu sein, aber eine gewisse Macht wollte ich schon."

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