Das Wien der Familie Rauchfuss in den frühen Dreißigerjahren

Video15. September 2014, 09:29
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In dieser Folge der "Stadtfilme": Die gelebte Stadt - Einblicke in die Amateurfilmpraxis einer Wiener Familie im Film "Papas Jubiläum 11. X 1930"

Was tun zum 25. Dienstjubiläum des Familienoberhauptes? So eine Filmkamera im Hause ist, scheint eine Entscheidung klar: Der Tag muss festgehalten werden. Wie die Familie Rauchfuss an die Aufgabe herangeht, ist ungewöhnlich: Die erste Szene zeigt den Jubilar, Vater Vinzenz Rauchfuss, wie er seinen Dienstort, das Amtsgebäude in der Vorderen Zollamtstraße, verlässt, auf die Kamera zukommt, grüßt und daraufhin seinen Sohn Erich herzlich in Empfang nimmt. In der folgenden Sequenz sind Sohn und Vater vergnügt im Stadtpark zu sehen.

Die abschließende Einstellung zeigt Erich bei seinen Versuchen, mit dem turbulenten Verkehrstreiben auf der Verbindungsbahnbrücke in Höhe der Ungargasse, dem Durcheinander von Autos, Passanten, Pferdefuhrwerken und Tramways zurechtzukommen; ein wenig ängstlich bemüht, die "Szene" nicht zu verderben und "im Bild" zu bleiben.

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Details zu Schauplätzen und allgemeine Infos zum Film auf stadtfilm-wien.at

Anstelle der Jubiläumsfeier im Gasthaus also ein Streifzug durch das Grätzel rund um die Arbeitsstätte. Sohn Erich spielt hier wie in den anderen überlieferten 9,5-mm-Filmrollen der Familie Rauchfuss eine bedeutende Rolle, zumeist als zentrale Person kleiner Inszenierungen, die große Zuneigung und Spaß im Familienverband demonstrieren.

Das Besondere: Die zum typischen Inventar des Familienfilms gehörenden Aufnahmen von Feierlichkeiten im privaten Kreis scheinen in den Rauchfuss'schen Amateurfilmen zu fehlen. Wir sehen die Familienmitglieder stets im öffentlichen Raum, als Akteure an ausgewählten städtischen Orten. Und noch etwas: touristische Bilder der Stadt, Stereotype von Sehenswürdigkeiten etwa, fehlen auf signifikante Weise. Die Kamera macht sichtbar, was Henri Lefebvre mit dem Satz gemeint hat: "Achten wir auf die alltäglichen Praktiken, die das Urbane erst mit Leben erfüllen." (Michaela Scharf, LBI/derStandard.at, 15.9.2014)

Österreichisches Filmmuseum
Zur Serie "Stadtfilme": Anlässlich des Jubiläums "50 Jahre Österreichisches Filmmuseum" zeigen derStandard.at und das Filmmuseum Amateurfilme, Wochenschauen, Werbe- und Industriefilme sowie Dokumentationen – gedreht in Wien zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts und den 1970er-Jahren.
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