Was Schweizer Uhrmacher von der Apple Watch halten

12. September 2014, 11:34
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"Sie sieht perfekt aus, aber bei Perfektion fehlt es manchmal an der Sexiness."

Was hält eigentlich die berühmte Schweizer Uhrenbranche von der Apple Watch? Nicht viel.

„Sie sieht ein wenig kalt aus, und ihr fehlt nach meinem Geschmack etwas Persönlichkeit", sagt Jean-Claude Biver. Er ist eine Legende unter den schweizerischen Uhrmachern. In den 1980er Jahren leitete er die Wiederbelebung der Marke Blancpain, danach arbeitete er für Omega und Hublot. "Sie sieht perfekt aus, aber bei Perfektion fehlt es manchmal an der Sexiness."

„Das wird keine weitere Krise in der Schweizer Uhrenindustrie auslösen."

Biver, derzeit Präsident der Uhrensparte beim französischen Luxuskonzern LVMH Moët Hennessy Louis Vuitton, fällt ein scharfes Urteil: „Das wird keine weitere Krise in der Schweizer Uhrenindustrie auslösen."

Uhrmacher und Händler in der Alpenrepublik haben in den vergangenen Jahren einen erstaunlichen Boom erlebt. Der Verkauf von Chronometern mit locker fünfstelligen Preisschildern läuft rund. Die Branche exportiert vor allem; im vergangenen Jahr wurden Uhren im Wert von 21,8 Milliarden Schweizer Franken ausgeführt, umgerechnet 18 Milliarden Euro.

Trotzdem stellt die Apple Watch, die im ersten Jahr nach Schätzungen bis zu 30 Millionen Mal verkauft werden könnte, die größte Bedrohung für die Branche dar, seit sie in den 1970er Jahren von den billigen Quartz-Uhren aus Japan an den Rand des Ruins getrieben wurde.

Macht von Apple

Die Smartwatch von Apple, die in dieser Woche mit großem Tamtam enthüllt wurde, ist in zwei Größen und drei Versionen erhältlich. In den USA soll sie im kommenden Jahr umgerechnet 270 Euro kosten – da fängt eine Schweizer Uhr gerade erst an. Die Macht der Marke Apple, die ausgefeilte Technik und die Größe machen die Smartwatch zu einem echten Konkurrenten für die Armbanduhr. Und der Techkonzern versucht gezielt, das Modebewusstsein seiner Kunden anzusprechen, mit einer großen Farbauswahl und Materialien wie 18-karätigem Gold. Die Reaktionen im Internet fallen begeistert aus.

Nicht so bei den Schweizer Experten. „Vom Standpunkt des Designs her kann man nicht sagen, dass es eine Uhr ist, mehr ein iPhone für das Handgelenk", sagt Alain Spinedi, Chef des Uhrenherstellers Montres Louis Erard. „Die Leute mögen damit reisen, aber es wird nicht die Uhr ersetzen, die man zu einer Feier trägt."

"Alles, was Millionen Menschen offener dafür macht, etwas am Handgelenk zu tragen, wird neue Gelegenheiten schaffen, mehr Uhren zu verkaufen."

Nick Hayek, Chef des größten Uhrenherstellers der Welt nach Umsatz, der Swatch Group, hält Smartwatches wie die von Apple für eine Chance. „Alles, was Millionen Menschen offener dafür macht, etwas am Handgelenk zu tragen, wird neue Gelegenheiten schaffen, mehr Uhren zu verkaufen."

Experten halten aber gerade Swatch für gefährdet durch den neuen Konkurrenten. Etwa 15 Prozent des jährlichen Umsatzes macht das Unternehmen mit Modellen, die weniger als 500 Franken kosten, schätzt Luca Solca, Analyst bei Exane BNP Paribas. Solca vermutet, dass Smartwatches den Umsatz der Marke Swatch um 10 Prozent und der Marke Tissot um 5 Prozent in den kommenden beiden Jahren sinken lassen könnten.

Branchenkenner glauben allerdings nicht, dass die Apple Watch sich als genauso umwälzend erweisen wird wie das iPhone für Handys. Es werde immer Nachfrage nach der Anmutung klassischer Handwerkskunst geben, wie sie eine Schweizer Uhr ausstrahlt.

"Es ist wie bei Cindy Crawford mit ihrem Muttermal."

„Die Leute wollen besondere Verarbeitung, schöne Zeiger, sie wollen etwas Einzigartiges"; sagt Paul Herzog, der die Boutique Van Cleef & Arpels auf der exklusiven Bahnhofstraße in Zürich leitet. Die dort ausgestellten Uhren kosten zwischen 6.000 und 250.000 Franken. Der Neuling von Apple werde daher keine großen Veränderungen in der traditionsreichen Branche auslösen.

Jean-Claude Biver von LVMH sagt, die besten Schweizer Uhren hätten eine Persönlichkeit, die der Apple Watch fehle. Er zieht den Vergleich zu einem amerikanischen Supermodel. „Es ist wie bei Cindy Crawford mit ihrem Muttermal. Es ist Teil ihres Charakters und ist zum Wiedererkennungszeichen geworden. Sobald sie es sehen, wissen Sie, wer das ist." (JOHN REVILL, WSJ.de/DerStandard.at 12.9. 2014)

  • Experten haltenSwatch für gefährdet durch den neuen Konkurrenten.

    Experten haltenSwatch für gefährdet durch den neuen Konkurrenten.

  • Die Apple Watch

    Die Apple Watch

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