IS kopiert die Blitzkriegstaktik der Wehrmacht

Kommentar der anderen12. September 2014, 11:30
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Beobachtungen im Nordirak über die militärischen Kampfhandlungen

In den letzten drei Wochen besuchte ich mehrere Frontabschnitte im Nordirak, wo ich mit Soldaten und Kommandeuren der regulären irakischen Armee, kurdischen Peschmerga-Milizen sowie Mitglieder der militanten Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) sprach. Diese Interviews sowie das von mir observierte Geschehen zeichnen ein klares militärisches Bild über die Vorgehensweise der IS im Irak.

Ein IS-Angriff wird von Selbstmordattentätern eingeleitet, die sich - um den Gegner "aufzuweichen" - frontal auf Stellungen, Checkpoints, oder Konvois werfen. Danach folgt das Artilleriebombardement mit Haubitzen, Raketenwerfern und Mörsern mit dem Ziel, den Feind bewegungsunfähig zu machen. Dann kommt der eigentliche Angriff: angeführt von Dutzenden von Pickup-Trucks, bestückt mit schweren Maschinengewehren, die sich auf breiter Front dem Feind nähern und ihn umzingeln. Abschließend stürmt die Infanterie, unterstützt von dem Maschinengewehrfeuer, und kämpft den Feind mit Sturmgewehren, und Handgranaten nieder. Öffentliche Hinrichtungen von gefangenen Offizieren und einfachen Soldaten folgen. Das Hauptaugenmerk liegt auf der Verbreitung von Terror, der den Gegner komplett lähmt und den Rückzug unmöglich macht.

Die IS kopiert die klassische Blitzkriegstaktik der deutschen Wehrmacht aus den Jahren 1939 bis1941, die primär auf psychologischen Terror setzte - es gibt jedoch zwei wichtige Unterschiede: Erstens verfügt die IS über keine Luftwaffe. Zweitens sind die IS-Angriffsformationen keine Panzerverbände sondern bestehen aus nur leicht gepanzerten und ungepanzerten Fahrzeugen, die von einfachen Waffen aufgehalten werden können. Sollte der Gegner sich von den schwarzen Bannern des selbsternannten Kalifen nicht einschüchtern lassen, machen diese Unterschiede die Blitzkriegtaktik sehr verlustreich für die IS und zuweilen auch erfolglos.

Dass solche Angriffe abgewehrt werden können, illustrierten die kampferprobten PKK-Guerillas und die syrisch-kurdischen Volksverteidigungseinheiten im vergangenen Monat. Sie deckten in der ersten Augustwoche gekonnt die Flucht vieler Christen, Schiiten und Kurden aus Mossul und Umgebung und verhinderten laut Aussagen hoher kurdischer Militärs den Zusammenbruch der gesamten kurdischen Front.

Wie ich selbst beobachten konnte, haben sich nun die kurdischen Milizen entlang der über 1000 Kilometer langen Frontlinie eingegraben. Gestaffelte Grabensysteme, wie man sie aus dem Ersten Weltkrieg kennt, und Panzerhindernisse durchziehen die Ebenen des Nordiraks. Die Grabensysteme machen ein Durchbrechen leicht gepanzerter Einheiten ohne Raupen und ohne Sturmpioniere nahezu unmöglich. Unterstützt wird die Verteidigung von der amerikanischen Air Force, die mit gezielten Luftangriffen verhindert, dass sich IS-Truppen für einen Angriff großräumig formieren können. (Franz-Stefan Gady, DER STANDARD, 11.9.2014)

Franz-Stefan Gady ist freier Journalist und sicherheitspolitischer Analyst am EastWest Institute in New York. Er verbrachte die vergangenen drei Wochen im Nordirak.

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