Zelda sehnt sich nach Normalität

14. September 2014, 15:52
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Fantastische Geschichten aus der Welt der Werbung. Diese Woche: Louis Vuitton. Warum Zelda Zucchini Avantgarde anödet und sie morgens im Dunkeln in einem Nissan Micra zu ihrem Job bei Walmart fahren möchte

Zelda Zucchini, die einzige Enkelin des großen Filmproduzenten Dino Zucchini, fühlte sich etwas verloren an diesem Montagmorgen. Irgendetwas passte nicht in ihrem Leben, etwas Grundsätzliches. Sicher, sie wohnte in dieser fantastischen Pierre-Koenig-Villa in den Hollywood Hills, sie hatte Kohle ohne Ende, und ein paar der geilsten Autos auf diesem Planeten gehörten ihr auch noch.

foto: lukas friesenbichler/originalsujet: jürgen teller

Der Maserati Boomerang zum Beispiel. Die Flunder ging ab wie eine Rakete. Giorgetto Giugiaro, dem Designer des Autos, war die Idee zu der ultraflachen Karre gekommen, als er mit seinem kleinen Sohn am Frühstückstisch mit zwei Scheiben Toastbrot Autorennen gespielt hatte. Jedenfalls hatte das Opa Dino seiner Enkelin einmal laut lachend bei den Dreharbeiten zu einem Spionagethriller erzählt. Eigentlich hatte er das Auto einmal bei einem seiner Filme einsetzen wollen, die er mit seinem Kompagnon Paul Pepperman produziert hatte: "Der Spion, den ich nicht kriegte“. Dino hatte sich dann aber für einen Lotus Esprit entschieden.

Zelda sah sich um. Nichts in ihrem Leben war normal. Ihre Garage war so groß wie ein Lagerhaus, und es wuchsen sogar Bäume darin. Im Garten ihrer Villa gab es einen Tennisplatz, den man auf Knopfdruck in einen Helikopterlandeplatz verwandeln konnte. Und wenn man im Wohnzimmer den Lichtenstein ganz leicht nach links verrückte, drehte sich der Kamin zur Seite und gab den Durchgang zum Panic Room frei.

Irgendwie ödete sie das alles an. Sie wollte hier raus. Zelda sehnte sich Normalität, nach einem Leben mit zwei quengelnden Kleinkindern in einer schäbigen Zweizimmerwohnung in einem lauten, dreckigen Stadtteil von L.A., von dem aus sie dann jeden Morgen im Dunkeln in einem Nissan Micra zu ihrem schlecht bezahlten Arbeitsplatz bei Walmart oder Burger King fuhr. Oder ging da jetzt gerade die White-Trash-Romantikerin in ihr durch? Womöglich. Ach, fuck. (Stefan Ender, derStandard.at, 14.9.2014)

  • Die Kreativität der Werbebranche ist grenzenlos. Genauso wie die Phantasie unseres Autors Stefan Ender. Er denkt sich an dieser Stelle wöchentlich eine Geschichte zu einer aktuellen Werbekampagne aus. Das Magazin mit dem aktuellen Werbesujet fotografierte Lukas Friesenbichler, das Originalmotiv stammt von Jürgen Teller.
    foto: lukas friesenbichler/originalsujet: jürgen teller

    Die Kreativität der Werbebranche ist grenzenlos. Genauso wie die Phantasie unseres Autors Stefan Ender. Er denkt sich an dieser Stelle wöchentlich eine Geschichte zu einer aktuellen Werbekampagne aus. Das Magazin mit dem aktuellen Werbesujet fotografierte Lukas Friesenbichler, das Originalmotiv stammt von Jürgen Teller.

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