Das Geschäft mit dem Gruppenzwang

13. September 2014, 09:00
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Pünktlich zum Schulbeginn strömen sie in die Klassen, die Schulfotografen. Das zuständige Bildungsministerium hält fest, dass es für die Fotos keinen Kaufzwang gibt. Ein Blick in die Praxis

Eine schöne Erinnerung ist es jedenfalls: "Schau, einmal, wie klein du warst und was für eine absurde Frisur der hatte - und wie hieß die da in der zweiten Reihe noch einmal?" Klassenfotos bereiten oft noch Jahrzehnte später viel Freude, und gerade im Zeitalter der digitalen Fotografie hat man da etwas in der Hand, was zum Beispiel auch der Oma gefällt: ein Porträtfoto vom Enkerl in Leinenprägung, als Schlüsselanhänger oder Kalender im Scheckkartenformat.

Findige Schulfotografen bieten in den letzten Jahren schon längst nicht nur die Klassiker Klassenfoto (die Braven vorn, die Coolen hinten, stehend) – und Einzelporträts an. Vergrößerungen, Passbilder oder Miniporträts sind ebenso im Portfolio wie Glückwunschkarten. Das alles hat seinen Preis: Von einem Basispaket um rund zehn Euro bis zu Sets um 85 Euro reicht die Palette.

Im Schnelldurchlauf

Über die künstlerische Qualität der Aufnahmen, die von teils hunderten Kindern im Schnelldurchlauf geknipst werden, lässt sich trefflich streiten. Es wird ja niemand gezwungen, die Fotos zu kaufen – oder doch? Diese Frage beschäftigte sogar schon den Obersten Gerichtshof in Österreich: "Es ist seit Jahrzehnten üblich, Schulen in Zusammenhang mit der Anfertigung von Einzel- und Gruppenbildern von Schülern 'Rabatte' von zehn bis 20 Prozent des Verkaufserlöses für die 'Klassenkassen' und/oder kostenlose Lehrer und Personalbilder anzubieten“, wird da festgehalten.

Das heißt mit anderen Worten, manche Schulen profitieren in der einen oder anderen Weise von den Fotoaktionen. Sei es finanziell, wie in den oben genannten Prozentsätzen für Klassenkassen oder Elternvereine, sei es durch Sachleistungen wie zum Beispiel Computer, Laptops oder Beamer, die sie von den Schulfotografen geschenkt bekommen. Dafür wird zwischen Fotograf und Schule zum Beispiel ein Sponsoring-Werbe-Partnerschaftsvertrag geschlossen. Die Schule gestattet beziehungsweise vermittelt die Schulfotoaktion mit einem bestimmten Fotografen – und nicht etwa einem anderen – und erhält im Gegenzug Geld oder Geschenke.

Nicht sittenwidrig

Der Oberste Gerichtshof befand diese Praxis nicht für sittenwidrig. Der Umstand, dass die Schüler und deren Eltern nichts von einem derartigen Vertrag wissen, sei "nicht geeignet, ihre Kaufentscheidung zu beeinflussen". Es bestehe ja zu keinem Zeitpunkt eine Kaufverpflichtung. Dem Argument, die Eltern und Schüler würden durch das Einspannen der Autorität und Ressourcen der Schule zu einem bestimmten Schulfotografen "hingelenkt“, wurde nicht gefolgt. Auch dass formal kein Kaufzwang bestünde, aber vielleicht ein „psychologischer“ – Eltern sei es unangenehm, die Klassenfotoserien ihrer Kinder nicht zu bestellen –, wurde vom Gericht verneint.

Aber welche Eltern kennen nicht die großen, traurigen Kinderaugen, wenn der Sprössling sagt: Was, du bestellst nicht die ganze Serie? Und wehe, man kommt auf die Idee, nicht einmal das Einzelbild zu kaufen. Die Kinder machen Druck – und stehen selbst bisweilen unter solchem. Welches Kind schafft es leicht, als einziges in einer Gruppe zu sagen: "Meine Eltern wollen diese Fotos nicht." Entscheidet man sich trotzdem gegen die Bildserien, wollen manche Schulfotografen, dass man die Fotos auf eigene Kosten zurücksendet – wofür natürlich Porto von rund 3,90 Euro anfällt.

Frage der Preisgestaltung

Vonseiten des Bildungsministeriums heißt es dazu: "Aus den Vereinbarungen zwischen Schule und Fotografen muss klar hervorgehen, dass das der Schule allenfalls in Aussicht gestellte Honorar unabhängig von der Anzahl der abgenommenen Bilder ist. Es darf kein Betrag oder Prozentsatz pro abgenommenes Foto oder Foto-Set vereinbart sein. Die Schule enthält die Zuwendung für Organisationsarbeiten, die sie dem Fotografen abnimmt und deren Umfang unabhängig von der Zahl der Einzelverträge ist, die Erziehungsberechtigte mit dem Fotografen schließen."

Weiters wird festgestellt: „Kein Fotograf soll den Eindruck erwecken können, die Schule habe seine Preisgestaltung geprüft und für angemessen empfunden. Besteht an der Schule ein Elternverein, wird angeregt, den Fotografen dorthin zu verweisen.“

Die heikle Frage des Datenschutzes wird so geregelt: „Die Schulen haben sich vom Fotografen die Einhaltung aller einschlägigen gesetzlichen Bestimmungen bei der Abwicklung seiner mit den Erziehungsberechtigten getroffenen Vereinbarungen zusichern zu lassen. Das betrifft vor allem das Konsumentenschutzgesetz und den Datenschutz.“

Nochmals wird unterstrichen: „Die Schulen stellen gegenüber den Erziehungsberechtigten ausdrücklich fest, dass sie das Fotografieren weder empfehlen noch eine Verpflichtung zur Abnahme gemachter Aufnahmen besteht.“

Elektronischer Schülerausweis

An manchen Schulen wird derzeit argumentiert, dass die Bilder zur Anfertigung des elektronischen Schülerausweises, der so genannten edu.card, benötigt würden. Das ist nicht korrekt. Das zuständige Bildungsministerium hält fest: „edu.cards werden seit 2002 als Pilotprojekt für elektronische Schülerausweise geführt. Derzeit verwenden mehr als 100 Schulen die edu.card. Die edu.card als multifunktionale Chipkarte bietet neben der Verwendung als fälschungssicherer Sichtausweis unter anderem viele Funktionen für Kopierzähler, Selfservice-Automaten etc. Die edu.card hat Ausweisfunktion. An diesem Projekt können SchülerInnen freiwillig teilnehmen. Es besteht keine Pflicht zum Führen der edu.card.“ (Tanja Paar, derStandard.at, 12.09.2014)

  • Welches Kind schafft es leicht, als einziges in einer Gruppe zu sagen: "Meine Eltern wollen diese Fotos nicht."
    foto: cremer

    Welches Kind schafft es leicht, als einziges in einer Gruppe zu sagen: "Meine Eltern wollen diese Fotos nicht."

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