Wie verschiedene Sprachen auf die Glatze blicken

13. September 2014, 17:59
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Haarausfall verläuft kontinuierlich - dennoch unterteilen ihn sowohl Deutsch als auch Englisch und Japanisch Sprechende in voneinander getrennte Stadien

Bonn - "Glatze", "Platte", "Halbglatze", "Geheimratsecken" ... solche Wörter suggerieren Unterschiede, die nicht unbedingt der Wirklichkeit entsprechen. Haarausfall schreitet kontinuierlich voran - die Grenzen, wann er von einem vermeintlichen Stadium ins nächste voranschreitet, werden somit eher willkürlich gezogen. Ein deutscher Linguist hat sich den Abstufungen aus einem interkulturellen Blickwinkel genähert, wie die Universität Bonn berichtet.

Pawel Sickinger hat am Institut für Anglistik, Amerikanistik und Keltologie der Uni Bonn verschiedensprachige Probanden mit Glatzenbildern konfrontiert. Genauer gesagt mit der Computeranimation eines voranschreitenden Haarausfalls auf einem männlichen Kopf. Die Probanden sollten dann zu den unterschiedlichen Stadien des Haarausfalls Begriffe in ihrer jeweiligen Sprache angeben.

Dreiervergleich

Über soziale Medien und Bekannte konnte Sickinger seine Umfrage auf insgesamt 168 Probanden aus den USA, 169 aus Japan und 232 aus Deutschland ausweiten. Dabei ergaben sich zum Teil erstaunliche Übereinstimmungen: Die befragten Personen aus den drei verschiedenen Sprach- und Kulturkreisen unterschieden zwischen den einzelnen "Stadien" auf ähnliche Weise und ordneten ähnlichen Begriffen in ihrer Muttersprache fast die gleichen Einzelbilder zu.

Was zum Beispiel auf Deutsch als "Geheimratsecken“ bezeichnet wird, entspricht im Amerikanischen "widow’s peak“ (wörtlich: "Witwenspitze“) und im Japanischen "emu jigata hage - etwa soviel wie "M-Form-Glatze“. Der "Kahlkopf“ im Deutschen wird im Englischen "bald“ und im Japanischen "tsurutsuru atama“ genannt - "glänzender" oder "rutschiger Kopf".

Sickinger ordnete diese in den unterschiedlichen Sprachen verwendeten Begriffe für das jeweilige Stadium des Haarausfalls in Gruppen an. "Dabei zeigte sich, dass es klare Tendenzen gibt“, sagt der Linguist. In allen drei Sprachkulturen kristallisierten sich Begriffsgrenzen zwischen den eigentlich kontinuierlich verlaufenden Glatzenstadien heraus. Sickinger: "Solche Wörter lassen sich also direkt in Begriffe ohne sprachliche Umschreibung übersetzen, weil sie offensichtlich die gleichen Vorstellungen im Gehirn abrufen.“ (red, derStandard.at, 13. 9. 2014)

  • Pawel Sickinger testete sprachliche Parallelen mittels Animationen der Glatzenbildung am Computer.
    foto: volker lannert/uni bonn

    Pawel Sickinger testete sprachliche Parallelen mittels Animationen der Glatzenbildung am Computer.

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