Österreichs Stromimporte schon bei 40 Prozent

11. September 2014, 19:35
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Kraftwerksprojekte werden verschoben oder abgesagt, bestehende Anlagen wegen des niedrigen Strompreises abgedreht

Wien - Abschalten oder einmotten: So lautet die Devise der österreichischen Elektrizitätswirtschaft. Neue Kraftwerke werden so gut wie keine mehr gebaut. Die Liste der Projekte, die wegen niedriger Strompreise und Überkapazitäten abgeblasen oder auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben wurden, wird immer länger. So hat die ÖBB den auch ökologisch umstrittenen Ausbau des Kraftwerks Spullersee abgesagt.

Die Fertigstellung des unterirdischen Pumpspeichers in Tauernmoos (Pinzgau) - es soll das größte Kraftwerk der Bahn werden - wurde um drei Jahre auf 2021 verlegt. Auch sonst hagelt es Aufschübe. Zudem auf der Liste der verschobenen Projekte: ein Pumpspeicherkraftwerk der EVN nördlich der Donau, die Verbund-Kraftwerke Limberg III und Gratkorn, die Tiroler Projekte Imst, Sellrein-Silz und Kaunertal.

Weniger Investitionen

Unter dem Strich wird sich das Volumen der Investitionen in Kraftwerke aufgrund der Maßnahmen halbieren, erklärte der Präsident von Oesterreichs Energie, Wolfgang Anzengruber, am Donnerstag vor Journalisten. Heuer gehe kein einziges größeres Wasserkraftwerk in Betrieb, 2015 speise dann das Kärntner Verbund-Projekt Reißeck II ein, allerdings werde dort Regelenergie geliefert und kein zusätzlicher Strom produziert. Der Konzern habe die Investitionen sogar um 70 Prozent zurückgefahren, erklärte Anzengruber, der zugleich Chef des Verbunds ist.

Die von ihm und Energie-Generalsekretärin Barbara Schmidt geäußerte Befürchtung: eine steigende Abhängigkeit des Landes, dessen Stromimporte im ersten Quartal bereits deutlich auf 41 Prozent des Verbrauchs angestiegen sind. In den letzten Jahren hatte der Einfuhranteil noch rund 15 Prozent betragen. Die von der Industrie thematisierte Abwanderung habe in der E-Wirtschaft "schon stattgefunden", meint Anzengruber, dieser Trend werde sich noch verstärken, was die Versorgungssicherheit gefährden könnte.

Drohende Lücke

Wenn die deutschen Atomkraftwerke vom Netz gehen und zudem 50 thermische Stromproduktionen schließen, drohe eine Lücke, warnt der Verbandspräsident. Dazu komme, dass die wachsenden Einfuhren eine Aufrüstung der Leitungsnetze erforderten. Dass die Ressource Wasser, um die ganz Europa Österreich beneide, nicht besser genutzt werde, qualifiziert Anzengruber als Fahrlässigkeit. Belastet werde dadurch nicht zuletzt die Umwelt, da Braunkohle in Deutschland wegen der niedrigen CO2-Zertifikatepreise gefragt sei. Oesterreichs Energie hofft nun, dass die EU sich zu einer Verschärfung des Klimaplans auf eine Reduktion der Emissionen um "mindestens" 40 Prozent verständige, wie Schmidt sagte.

Manchmal ist das Abdrehen unrentabler Kraftwerke freilich gar nicht so einfach, wie Anzengruber nun feststellen musste. Die Energie Steiermark hat laut Kleiner Zeitung eine einstweilige Verfügung gegen die Schließung des ölbefeuerten Fernheizkraftwerks südlich von Graz erwirkt. Der steirische Energiekonzern befürchtet eine Gefährdung der Versorgung, wenn der Verbund wie geplant nur das Steinkohlekraftwerk Mellach in Betrieb lässt. Anzengruber, der das Urteil nach eigenen Angaben noch gar nicht kennt, will den Steirern nun eine Abgeltung der höheren Verbund-Reserveleistung abverlangen. (as, DER STANDARD, 12.9.2014)

  • Die Zeiten des emsigen Kraftwerksbaus, wie sie das undatierte Bild aus Kaprun zeigt, sind in Österreich längst passé. Neue Projekte werden aufgeschoben oder abgeblasen.
    foto: apa/verbund

    Die Zeiten des emsigen Kraftwerksbaus, wie sie das undatierte Bild aus Kaprun zeigt, sind in Österreich längst passé. Neue Projekte werden aufgeschoben oder abgeblasen.

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