Ziel Großbritannien: Wilde Flüchtlingscamps am Ärmelkanal

Reportage12. September 2014, 05:30
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Mehr als tausend Personen lagern derzeit im französischen Calais und hoffen auf eine Möglichkeit, über den Ärmelkanal zu gelangen. Die Chancen stehen schlecht: Lkw-Fahrer bewaffnen sich bereits, um blinde Passagiere abwehren zu können

Reglos sitzt der Mann vor dem fünf Meter hohen Zaun, den Blick durch die Maschen auf das Meer gerichtet. Vielleicht träumt er von seinem Eldorado, dem nur 33 Kilometer entfernten England. Vielleicht plant er auch den nächsten Einsatz und überlegt sich jeden Handgriff, nachts, beim Sprung über den Stacheldraht und dann auf einen der Sattelschlepper, die langsam durch das Hafengelände von Calais kurven, um sich auf die Fähre nach Dover einzuschiffen.

Niemand hier an der Carnot-Schleuse interessiert sich für den Migranten auf der Parkbank. Wie er warten derzeit mehr als tausend in Calais auf den großen Sprung. Und jeden Tag werden es mehr. Am Sonntag demonstrierten vor dem Rathaus 300 Rechtsextreme des Vereins "Sauvons Calais" (Retten wir Calais). "Sie verdrecken die Stadt", hieß es auf einem Transparent, auf einem anderen: "Werfen wir sie raus!"

Die schweigende Mehrheit von Calais schaut gar nicht mehr auf, wenn ihnen die dunkelhäutigen Männer auf dem Trottoir entgegenkommen.

Flucht durch die Wüste

Bei Lidl decken sie sich mit Hühnerfleisch, Biskuits und Tee ein. Auch Omar und Asim, zwei Eritreer. Sie erzählen, wie sie durch den Sudan und die Sahara flüchteten. Ihr Ziel: London. England gewähre Flüchtlingen Asyl, bilde sie aus und gebe ihnen Arbeit, meint der krausbärtige Asim, der sein Alter mit 17 angibt.

Die beiden Ostafrikaner schlagen einen Weg über ein stillgelegtes Eisenbahngleis ein. Bei einem halb versumpften Stadtkanal seifen sich ein paar Männer unter einem Abflussrohr ein. "Manchmal kommt Wasser", erklärt Omar, "manchmal aber auch giftige Chemie aus der Farbenfabrik dort drüben." Aber die Migranten, die hier in den Sanddünen leben, halten es ohne Waschmöglichkeit nicht aus. "Ohne Wasser kriegst du die Krätze", erklärt der 43-jährige Omar.

Das wilde Lager ist eigentlich ein Fußballfeld. An den Seitenlinien reihen sich blaue Zelte von "Médecins du Monde" auf. Am Nordende des Fußballfeldes klettert der junge Eritreer die Böschung hoch. Bewachsene Sanddünen erstrecken sich bis zum Meer, unterbrochen von der Nationalstraße N216, der Zufahrt zum Fährhafen. Bei den Verkehrskreiseln müssen die Laster bremsen. "Dort warten wir nachts hinter den Büschen, um aufzuspringen."

Asim hat es zweimal versucht. Erfolglos, leicht verletzt. Die Chauffeure wappnen sich immer besser, denn sie zahlen eine saftige Buße von mehr als tausend Pfund, wenn sie in Dover mit Migranten an Bord erwischt werden. Sie installieren Kameras hinter ihrem Gefährt, sie bewaffnen sich mit Schlagstöcken.

Vor einer Woche entlud sich die Spannung auf eine neue Art. Mehrere Hundert Migranten drangen erstmals en masse in die Hafenzone ein. Sie überrannten die Sperren und liefen direkt auf die Fähren zu.

Zäune als Geschenk

Die Situation dieser Sisyphus-Migranten ruft nach einer Revision und einer Harmonisierung des europäischen Asylrechts. Die Briten wollen aber nicht. Sie schenken Calais bloß die Umzäunungen des letzten Nato-Gipfels. Die konservative Bürgermeisterin von Calais, Natacha Bouchard, setzte vor einer Woche in Paris durch, dass die Flüchtlinge wenigstens tagsüber ein Empfangsareal erhalten. Dort sollen sie wenigstens essen und sich waschen können; außerdem wird die Uno-Flüchtlingsagentur UNHCR ein Büro einrichten, das laut dem Delegierten William Spindler eine "korrekte Auskunft über die Realität in England" vermitteln soll - dass man es als Migrant jenseits des Ärmelkanals nicht unbedingt leichter hat als im Rest Europas.

Bei Asim und Omar ist die Botschaft noch nicht angekommen. Sie interessieren sich nicht für das UNHCR, sondern den Wetterbericht. "Heute Nacht soll es bewölkt sein", freut sich Asim. "Da sehen uns die Chauffeure nicht, wenn wir auf die Laster klettern." (Stefan Brändle aus Calais, DER STANDARD, 12.9.2014)

  • Ein eritreischer Migrant kocht in seinem Unterschlupf in der Nähe einer Chemiefabrik in Calais.
    foto: reuters/rossignol

    Ein eritreischer Migrant kocht in seinem Unterschlupf in der Nähe einer Chemiefabrik in Calais.

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