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Video16. September 2014, 14:13

A Könarin, a Hua und a Taxler wurden früher als Dialektsprecher in einen Topf geworfen, erzählt Karl Pichler* von seinen Erfahrungen mit dem Wienerischen in seinen 30 Jahren als Nacht-Taxilenker und raucht dabei eine Zigarette.

Es sind vor allem Stereotype, die man mit dem Wiener Dialekt verbindet. Heurigenromantik, Wienerlied, Fiaker, Würstelstände, Wirtshäuser, Schnurrbärte und Vokuhilas. Wienerisch steht für verklärten Kitsch, für Gemütlichkeit und Geselligkeit, aber auch für Derbes und Proletensprache.

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Auf der Suche nach dem Wiener Dialekt: Vom "Tschocherl" bis zum Kaffeehaus - Versuch einer Bestandsaufnahme.

Karl, um die 50 Jahre alt, ein Wiener wie aus dem Bilderbuch mit ergrautem Vokuhila und einem Schnauzbart wie Magnum, ist im Café Joschi* in Gürtelnähe Stammgast.

Karl im Café Joschi

Er sitzt oft hier, wenn er gerade niemanden durch die Gegend chauffiert. Entweder im Schanigarten oder drinnen, in den mit braunem Kunstleder überzogenen Sitzecken mit der altmodischen Einrichtung ringsherum. Während er erzählt, nähert sich die Kellnerin von hinten, nimmt seine Hand und drückt wortlos ein frisches, vorsorglich geöffnetes Packerl Tschick hinein. Als "Tschocherl" würde er das Lokal nicht bezeichnen. Es sei einfach ein Café, sagt Karl - und prognostiziert dem Wiener Dialekt seinen Untergang.

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Karl Pichlers* Dialekt wurde von "rauschigen" Fahrgästen geprägt.

Eine betagte weißhaarige Dame im ersten Bezirk sieht die Sache ähnlich wie Karl: "Der Wiener Dialekt ist schon lange ausgestorben", sagt sie vehement in gewähltem Hochdeutsch. Sie rückt auch dann nicht von ihrem Standpunkt ab, als sich herausstellt, dass ihr ehemaliger Kollege, der 91-jährige Hubert, mit dem sie gerade im Café Bräunerhof beim Frühstück sitzt, nicht nur Dialekt spricht, sondern auch von dessen Fortleben überzeugt ist. "Ein echter Wiener geht nicht unter", sagt er unaufgeregt und bedient damit ganz nebenbei ein weiteres Klischee. Später drückt er sich reflektierter aus: Wienerisch werde niemals aussterben, aber es sei anders als früher und werde sich weiterhin verändern.

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Hubert, der Kaffeehaus-Wiener.

Diese Meinung teilt Hubert mit den Erkenntnissen der Sprachwissenschaft: Sprach- und Dialektwandel findet immer statt und wird nicht zuletzt von geopolitischen Ereignissen und der digitalen Kommunikation angetrieben, sagt Manfred Glauninger, Sprachwissenschafter und Dialektforscher an der Universität Wien und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). In wachsenden urbanen Zentren vollziehe sich Sprachwandel deshalb besonders schnell.

Wien war schon einmal einer solch rasanten (sprachlichen) Umwälzung unterzogen. Ab den 1850er-Jahren wanderten hunderttausende Menschen, vor allem aus Böhmen und Mähren, in die Stadt. Bis 1910 war sie zur siebentgrößten Millionenstadt der Welt angewachsen. Der starke Zuzug und die Durchmischung der Einwanderer formten damals den Wiener Dialekt, wie er noch heute im Bewusstsein der Menschen verankert ist. "Die Sprachverhältnisse in Wien sind undenkbar ohne Zuwanderung", fasst Manfred Glauninger zusammen.

Wiens zweite Gründerzeit

Diese Entwicklung wiederhole sich derzeit in ähnlicher Weise. In "Wiens zweiter Gründerzeit" wird die Stadt bis 2029 auf zwei Millionen Einwohner ansteigen. Dialektsprecher aus den Bundesländern, Zuwanderer aus dem Ausland und der damit einhergehende demografische Wandel werden den Sprachgebrauch in der Hauptstadt beeinflussen.

Dass dem nicht jeder gelassen entgegen sieht, davon zeugen nicht zuletzt Organisationen, die sich der Rettung des Deutschen verschrieben haben, Wort-Patenschaften und Wienerisch-Kurse. Auch Bilderbuch-Wiener Karl findet, es sei "ewig schade" um das Wienerische. Der 91-jährige Hubert spendet für einen dieser Sprach-Rettungsvereine.

foto: christa minkin/derstandard.at

"Das, was die Menschen heute vor Veränderung schützen wollen, ist selbst aus einer Veränderung entstanden", meint dazu Dialektforscher Glauninger. Die Wahrnehmung von Sprache sei eine Momentaufnahme aus einem Phänomen, das sich ununterbrochen verändern muss, um nicht funktionsunfähig zu werden. Ohne Sprachwandel hätte man irgendwann ein "riesiges Kommunikationsproblem". Das den Menschen klarzumachen, sei aber schwierig, denn es spielten emotionale und psychologische Faktoren, aber auch Nostalgie mit hinein: "Sprachwandel fällt einem normalerweise erst auf, wenn man älter wird."

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Möglicherweise liegt es daran, dass die Schuld am Aussterben des Wienerischen unter anderem der Jugend zugeschoben wird. Dialekt werde in der Schule nicht mehr gelehrt, Eltern redeten plötzlich nur noch Hochdeutsch mit ihren Kindern - diese Ansichten finden sich bei Taxilenker Karl ebenso wie bei Hubert mit dem grau-weißen Schnauzbart, der in Ottakring aufgewachsen ist. Sprachwissenschafter Glauninger bekräftigt diesen Eindruck. Obwohl es eigentlich keine flächendeckende, empirische Studie zum aktuellen Sprachgebrauch in Wien gebe, belegen punktuelle Untersuchungen, dass junge Menschen in Wien heutzutage nicht mehr im Dialekt sprechen.

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Brigitta lockt ihre Kunden mit dem Wiener Dialekt.

Prestige und Stigma

Abseits der Jugend gelten aber Einwanderer als die eigentlichen Übeltäter, wenn es um den Untergang des Wienerischen oder des Deutschen im Allgemeinen geht. Einwanderer verstünden entweder keinen Dialekt, redeten sowieso nach der Schrift oder machten ihr "eigenes Kauderwelsch". Hubert, der im Café Bräunerhof zwischendurch am Kleinen Braunen nippt und vom Pariser Kipferl abbeißt, ist sicher, dass schon bald türkische Wörter im Deutschen Verwendung finden werden. Wirklich schaden würde der deutschen Sprache aber das Englische: "Wenn man kein Englisch kann, ist man heutzutage fast verloren."

Wie und in welchem Ausmaß Sprachwandel passiert, hängt laut Sprachwissenschafter Glauninger auch von Prestige und Stigma der jeweiligen Sprachen ab. Sprache ist nämlich vor allem ein soziales Symbol und identitätsstiftend. Sie transportiert immer auch Assoziationen, Emotionen, Klischees und Stereotype. Stigmatisierte Einwanderersprachen wie Türkisch oder Serbisch werden deshalb laut Glauninger kaum Einfluss haben. Ethnolekt - also charakteristische Ausdrucksweisen von Menschen mit Migrationshintergrund ("Hast du Ball?") - könnten zwar über Jugendjargon Eingang in die Umgangssprache finden. Dass sich dadurch die normierte Standardsprache verändere, sei aber aufgrund der Stigmatisierung sehr unwahrscheinlich. Glauninger zufolge unterscheiden beispielsweise immer mehr Menschen umgangssprachlich zwischen "Ich bin am Stephansplatz" für den tatsächlichen Platz vor dem Dom und "Ich bin Stephansplatz" für die U-Bahn-Station.

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Armin ist mit "gebrochenem" Deutsch aufgewachsen.

"Tschuschisch" und "normales Deutsch"

Was in der Forschung als Ethnolekt bezeichnet wird, nennt Armin "Tschuschisch" oder "eine Mischung aus Jugo, Türkisch und 55 Prozent Wienerisch". Der Mitte-20-Jährige verbringt den Abend mit drei Freunden - alle aus dem ehemaligen Jugoslawien - im Café Treff in Wien-Margareten. Bis auf die vier Männer ist das kleine Lokal leer. Die schwarzen Tische und Sessel sind in blau-grünes Licht getaucht. Es ist düster und verraucht. Ein Kreuz hängt an der Wand, daneben steht Weihnachtsdekoration am Fensterbrett. Gegenüber schaut Marlon Brando als Mafiapate von einem Plakat herunter. Aus den Lautsprechern tönt serbische Popmusik. Ob Taxilenker Karl dieses Lokal als "Tschocherl" bezeichnen würde?

Wienerisch sind derbe Ausdrücke

Armin stammt aus Bosnien, ist in Wien geboren und im dritten Bezirk aufgewachsen. Er ist hier in den Kindergarten und zur Schule gegangen, hat eine Ausbildung absolviert. Sein Deutsch sei aber immer noch "gebrochen" - damit wachse man eben auf, sagt er. "Tschuschisch" spreche er mit anderen, die einen Migrationshintergrund haben, "normales Deutsch mit richtigen Österreichern". Wienerisch verbinden die vier Männer mit derben Ausdrücken wie "hearst", "Oida" oder "Oaschloch", aber auch mit Krapfen und Fiaker.

Zwirbelbart und Zylinder

Für den Traditionsberuf des Fiakers sei der Wiener Dialekt "immens wichtig", ist einer überzeugt, der den Beruf seit Jahrzehnten ausübt. Wolfgang Fasching, der Fiaker-Baron vom Stephansplatz mit seinem Kaiser-Wilhelm-Zwirbelbart und seinem Zylinder, redet seine Kundinnen gerne auch einmal mit "Küss die Hand, Gnä' Frau" an. Die Touristen würden den Dialekt von ihm erwarten und sich am meisten freuen, wenn er sich mit einem Autofahrer streitet. Den "Urdialekt", bei dem "sich alles so zaaht", spreche er aber nicht immer - vor allem die norddeutschen Fahrgäste verstünden ihn dann nämlich nicht.

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Seine Fahrgäste spricht der "Fiaker-Baron" in der dritten Person an.

Einen Wiener Traditionsberuf hat auch Michi Ilic. Der gebürtige Serbe, der in den 1970er-Jahren mit seinen Eltern nach Österreich kam, ist einer der letzten Greißler Wiens. Obst, Gemüse, Feinkostprodukte und Weine führt der 52-Jährige in seinem Betrieb in der Gumpendorfer Straße im sechsten Bezirk. Durch lange Erfahrung merke man, ob die Kunden lieber im Dialekt oder auf Hochdeutsch angesprochen werden wollen. Manche würden den Dialekt von einem Greißler erwarten oder fühlten sich damit einfach wohler, andere würden es wiederum gar nicht gerne mögen, sagt Michi.

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Greißler Michi, gebürtiger Serbe mit Wiener Schmäh.

Die Einstellung des Wieners zum Dialekt sei ambivalent, meint auch Sprachwissenschafter Glauninger. Wiener haben eine starke emotionale Bindung zum Dialekt, wollen aber in der Regel nicht als Dialektsprecher gelten. Das Stigma, dass Dialekt in Wien etwas "G'schertes" sei, ist noch immer verwurzelt. Gleichzeitig ist er aber auch ein Soziosymbol für das verklärte Wien. Diese Ambivalenz sei nur in der Hauptstadt zu finden, denn in den restlichen Bundesländern sei Dialekt etwas ganz Alltägliches, erklärt Glauninger.

In Wien hingegen werde der Dialekt in der Alltagskommunikation immer mehr an Bedeutung verlieren, dafür aber in anderen Sphären wichtiger werden. Als Kontrastphänomen zum Hochdeutschen werde er schon heute eingesetzt - nicht nur von Fiakern und Greißlern. Auch in der Werbung, im Kabarett oder in der Literatur passiere das bewusst, um beispielsweise Ironie zu erzeugen, augenzwinkernd Kritik zu üben oder bestimmte Assoziationen hervorzurufen. Als jugendsprachliches Symbol könne Dialekt Effekte wie Lässigkeit oder Coolness erzielen: Junge Menschen in Wien, deren Umgangssprache sich im Normalfall am Hochdeutschen orientiert, streuen gerne wienerische Phrasen mit "expressiver Qualität" wie "deppert" oder "Oida" ein.

Kontrastphänomen zum Hochdeutschen

Die Redeweise einer der größten Einwanderergruppen in Wien, der Deutschen, wird laut Glauninger in Zukunft noch stärker Einfluss nehmen. Die bewusste Betonung des Österreichischen, mit der man sich nach dem Zweiten Weltkrieg von Deutschland abgrenzen wollte, werde immer unbedeutender. Dass die zwei Länder einen gemeinsamen grenzenlosen Wirtschaftsraum teilen, werde diesen Trend zusätzlich ankurbeln. Das sei aber nicht der Weltuntergang, meint der Experte. Fiaker-Baron Wolfgang kann sich darüber trotzdem nicht freuen. Es tue ihm leid, dass der Wiener Dialekt nicht mehr gepflegt werde: "Bei uns gibt es Erdäpfeln und Paradeiser. Kartoffeln, da stöts ma die Hoa auf."

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Symbol fürs Wiener Lied: Helmut Qualtinger.

Dem Englischen attestiert Forscher Glauninger für die Zukunft ebenfalls eine noch stärker zunehmende Bedeutung. Was das betrifft, könnte der 91-jährige Hubert aus dem Café Bräunerhof also recht behalten. Englisch habe laut Glauninger so viel Prestige, dass ununterbrochen Wörter und Ausdrücke in die deutsche Standardsprache übernommen werden; und das, obwohl ein durchschnittlicher Bewohner Wiens im Alltag kaum jemals mit englischsprachigen Menschen Kontakt habe.

Bedroht sei das österreichische Deutsch deshalb aber nicht, meint der Forscher. Es werde nicht verschwinden, sondern sich verändern und in neuen Kontexten verwendet werden. Und Wienerisch könne gar nicht verschwinden, denn Wien ist und bleibt eine deutschsprachige Stadt. Oder - um es mit den Worten der vier Männer aus dem Café Treff auszudrücken: "Der Wiener Dialekt wird niemals aussterben - vorher stirbt eher Österreich aus." (Christa Minkin, Maria von Usslar, derStandard.at, 16.9.2014)

*Name auf Wunsch des Interviewten von der Redaktion geändert.