"Schlangengrube" ORF: Ex-Intendant rechnet ab

11. September 2014, 08:45
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Vorsicht, wenn Parteien von Unabhängigkeit sprechen: Johannes Kunz, ORF-Infochef bis zu Zeilers Dienstantritt 1994, präsentiert seine Erinnerungen

Wien - Über die "ORF-Schlangengrube" und politischen Einfluss weiß Johannes Kunz viel zu erzählen. Der frühere TV-Fernsehintendant, der sich auch als Pressesprecher von Bruno Kreisky und Konzertveranstalter einen Namen machte, legt nun ein Buch über sein Leben vor. Wie wichtig "richtige Seilschaften" sind, hat er bei seiner Bewerbung für den ORF-Generalintendanten selbst zu spüren bekommen.

"Licht und Schatten. Erinnerungen" nennt Kunz sein im Amalthea-Verlag erschienenes Buch, das "mehr als die Memoiren eines ORF-Insiders" ist, wie der Klappentext verrät. Aber gerade jene Kapitel über seine Zeit beim größten heimischen Medienunternehmen halten einige Schmankerln bereit. Als Informationsintendant hatte Kunz zwischen 1986 und 1994 den "wahrscheinlich exponiertesten journalistischen Beruf in diesem Land", wie er im Gespräch mit der APA erläuterte.

Politischer Proporz

Begonnen hat seine Karriere beim ORF im Frühjahr 1968, einer Zeit der Öffnung. "Die Rundfunkreform hat eine Zäsur markiert", erinnerte sich der heute 67-Jährige. "Davor war der Österreichische Rundfunk ein mehr oder weniger staatlich organisiertes Unternehmen, sehr nach dem politischen Proporz ausgerichtet." Die "Informationsexplosion" sollte wesentliche Veränderungen mit sich bringen. "Plötzlich war man rund um die Uhr aktuell informiert."

"Rundfunkgesetz hergerichtet"

Trotz Reform blieb aber der Einfluss der Politik spürbar. Über die aktuelle Situation will sich Kunz zwar kein Urteil anmaßen, wohl aber über seine aktive Zeit beim Sender. "Faktum ist natürlich, dass trotz Rundfunkreform sich die Politik jeweils nach den vorgegebenen Machtverhältnissen aufgrund von Wahlen das Rundfunkgesetz hergerichtet hat, um personalpolitisch schalten und walten zu können. Das ist sicher gleich geblieben."

Starker politischer Einfluss

Er selbst habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass sich dies ändern könnte, schreibt, Kunz, der Zeit seines ORF-Lebens der SPÖ zugerechnet wurde - die aber 1994 auf einen anderen Kandidaten für die ORF-Führung setzte: Gerhard Zeiler.

Kunz: "Ganz verschwinden wird der Einfluss allerdings nie, denn ein öffentlich-rechtliches Unternehmen ist immer einem mehr oder weniger starken politischen Einfluss ausgesetzt. Das gilt für den ORF ebenso wie für die BBC oder ARD und ZDF." Anbieten würde sich aus seiner Sicht eine Verkleinerung des Stiftungsrates sowie dessen Besetzung mit "weniger staatsnahen Vertretern" - Vorschläge, wie man sie in den vergangenen Monaten und Jahren immer wieder hörte.

Vorsicht, wenn Parteien von Unabhängigkeit sprechen

Die persönliche Erfahrung "aus meiner Zeit in diesem Getriebe" macht Kunz diesbezüglich aber zurückhaltend. "Man muss vorsichtig sein, wenn eine Partei davon spricht, den ORF mit der nächsten Reform unabhängig zu machen. Sehr oft meint diese Partei dann unabhängig vom jeweiligen politischen Mitbewerber."

1994 wagte Kunz den Versuch, sich für den Posten des Generalintendanten im ORF zu bewerben - und unterlag Gerhard Zeiler. Ein Umstand, den er heute recht nüchtern beurteilt. "Ich habe mich beworben, und das Ergebnis ist bekannt." Nicht er, sondern Zeiler sei "offensichtlich der SPÖ-Kandidat" gewesen, so das Parteimitglied. Die Entscheidung, sich der Abstimmung zu stellen, bereue er keinesfalls. "Nicht nur im ORF, oft im öffentlichen Leben ist nicht eine bestimmte Leistung entscheidend, sondern die richtige Seilschaft. Das war für mich nicht beeinflussbar."

"Kein Sinn, dasselbe zu spielen wie alle anderen"

Die inhaltliche Ausrichtung des ORF müsse laut Kunz vor dem Hintergrund einer veränderten Medienlandschaft beurteilt werden. War zu seiner Zeit als Informationsintendant zunächst noch "ein Sende- und Programmmonopol" vorherrschend, gebe es mittlerweile Hunderte Mitbewerber. "Das relativiert die Bedeutung des ORF doch sehr stark." Dennoch sei es seiner Ansicht nach zentral, dass der ORF "die österreichische Identität stärkt, Kultur transportiert und Qualität anbietet. Es macht keinen Sinn, dasselbe zu spielen wie alle anderen."

Positiv hob Kunz ORF III hervor, wenngleich "weitgehend aus der Konserve" bespielt, sowie den Red Bull-Sender Servus TV. "Die haben als Privatsender ein Qualitätsprogramm entwickelt und sind zum Teil öffentlich-rechtlicher als die Öffentlich-Rechtlichen. Was ich dort sehe, hat wirklich Qualität, davor muss man den Hut ziehen", urteilte Kunz. "Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass offensichtlich die notwendigen finanziellen Mittel vorhanden sind." (APA, 11.9.2014)

Johannes Kunz
Licht und Schatten

Erinnerungen
Amalthea Signum 2014
296 Seiten, 24,95 Euro

Buchpräsentation am 15. September um 19.30 Uhr in der Buchhandlung Morawa, Wollzeile 11, 1010 Wien

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