Stonehenge umfasste "hunderte Monumente"

10. September 2014, 18:42
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Österreichischer Archäologe untersucht die Anlage seit vier Jahren und glaubt, dass sie sich einst über etwa 100 Quadratkilometer erstreckte

Wien/Birmingham - Seit vier Jahren arbeitet Wolfgang Neubauer vom Ludwig Boltzmann Institut für Archäologische Prospektion und Virtuelle Archäologie in der jungsteinzeitlichen Anlage von Stonehenge und hat dabei unter anderem 17 neue Monumente entdeckt. Das ist aber nur ein kleiner Teil dessen, was die weltberühmte Anlage einst ausmachte.

Für die jüngste Runde der Untersuchungen wurde ein zwölf Quadratkilometer großes Gebiet rund um die Kultstätte genau unter die Lupe genommen. Sie brachten Beweise für 17 weitere Schreine sowie dutzende Gräberhügel im Untergrund, einige davon bis zu 6.000 Jahre alt. Den neuen Erkenntnissen zufolge bestand der nahe gelegene, noch deutlich größere Steinkreis namens Durrington Walls einst aus bis zu 60 Steinen von bis zu drei Metern Höhe. "Das ist nicht irgendeine weitere Entdeckung, sondern ein fundamentaler Schritt für unser Verständnis von Stonehenge", sagte der britische Projektleiter Vincent Gaffney. I

"In Wirklichkeit handelt es sich bei Stonehenge um eine riesengroße Landschaft, in der sich Hunderte Monumente befinden", sagt Neubauer, der von einer Gesamtfläche von etwa 100 Quadratkilometern ausgeht. Vor allem die Flächen zwischen den sichtbaren Grabhügeln seien lange "terra incognita" geblieben. Einigen verborgenen Schätzen ist man mithilfe neuer Methoden auf die Spur gekommen: Mittels Bodenradar, magnetischen Sensoren und terrestrischem Laserscanner, die unter anderem detailreiche 3D-Bilder der unterirdischen Anlagen liefern.

Neue Funde

So haben der Archäologe und sein Team - darunter auch Experten der Universität Birmingham - etwa einen ca. 6.000 Jahre alten "long barrow", also Langhügel, entdeckt. "Das Grabmonument ist besonders spannend, weil wir damit eine Verbindung zum europäischen Kontinent haben", so Neubauer. Denn bei dem "long barrow" machten die Bodenradardaten Spuren eines hölzernen Langhauses, das 33 Meter lang und acht Meter breit ist, sichtbar - eine Bauform, die in der Jungsteinzeit auch am Kontinent verbreitet war. "Hier wurden die Toten einer Gemeinschaft bestattet", sagt Neubauer.

Es finden sich auch Hinweise auf die Form der Bestattung, die mit einer aufwendigen Entfleischung und Zerstückelung einherging. Einige Leichname wurden zudem ausgegraben und wieder bestattet. Diese Rituale wurden auf einem eigenen hölzernen Vorplatz durchgeführt. "Am Ende der Nutzung wurden die Häuser mit Kreidegestein aus der Umgebung überschüttet und so verborgen", sagt der Archäologe.

Auch bei bereits bekannten Monumenten - wie etwa dem riesigen "Superhenge" Durrington Walls - konnte das Expertenteam neue Erkenntnisse liefern. Großflächige Messungen mit einem motorisierten Bodenradar ermöglichten Einblicke unter den rund um das Areal aufgeschütteten Wall. Dort fanden die Archäologen 70 große Gruben, die vermutlich als Fundamente für große Steine oder Holzpflöcke dienten. Diese wurden rund um eine natürliche Senke angeordnet, in der sich zwei Quellen befanden, die nur im Winter Wasser führten. "Das war vermutlich der Grund, warum dieser Ort schon lange vor Stonehenge als heilig galt", erklärte Neubauer.

Jüngstes Kapitel einer langen Geeschichte

Die Geschichte der Landschaft beginnt etwa 8.000 vor unserer Zeitrechnung, nach und nach soll diese jetzt freigelegt werden. "Mit dem Bodenradar erreichen wir eine Tiefe von zwei bis zweieinhalb Metern", so der Wissenschafter. Den Arbeiten auf dem inzwischen 23 Quadratkilometer großen Forschungsareal und ihren Ergebnissen wird nun auch eine TV-Dokumentation gewidmet. Der Zweiteiler "Operation Stonehenge" entstand unter Mitarbeit der österreichischen Filmproduktionsfirma Interspot.

Neubauers Ergebnisse wurden inzwischen auch zum Gegenstand einer TV-Dokumentation: "Stonehenge Hidden Landscape" wurde am Dienstag in Birmingham erstmals präsentiert. Der ORF wird die Dokumentation am 14. und 21. November, jeweils um 22.40 Uhr in der Sendereihe "Universum History" auf ORF 2, ausstrahlen. (APA/red, derStandard.at, 10. 9. 2014)

  • Stonehenge war einst noch viel imposanter als heute: Das zeigen neue Untersuchungsmethoden, für die nicht zur Schaufel gegriffen werden muss.
    foto: ap photo/university of birmingham, geert verhoeven

    Stonehenge war einst noch viel imposanter als heute: Das zeigen neue Untersuchungsmethoden, für die nicht zur Schaufel gegriffen werden muss.

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    foto: ap photo/university of birmingham, geert verhoeven
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