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Kolumne10. September 2014, 18:15
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Und fordern auch für uns eine "wohlwollende PR-Berichterstattung" ein

Vor knapp drei Wochen sorgte eine Meldung aus Amerika vielerorts für besorgtes Stirnrunzeln und kulturpessimistisches Kopfschütteln. Unter der Überschrift "Wenn Redakteure für Werbekunden schreiben" berichtete Mara Delius in der deutschen Tageszeitung Die Welt über soeben enthüllte Praktiken der US-Zeitschrift Sports Illustrated. Dort werden bevorstehende Entlassungen von Mitarbeitern unter anderem danach beschlossen, ob der oder die Betroffene auch ausreichend zum "Schaffen von Inhalten, die vorteilhaft für Beziehungen zu Werbekunden sind", beigetragen habe.

Das ist ziemlich erschütternd, doch Frau Delius glaubt Trost zu kennen: "Angesichts des Aufschreis, der sich in der amerikanischen Medienszene verbreitet hat, kann man vorerst beruhigt sein: Die Dystopie des Redakteurs, der nach Werbekunden schielend schreibt, wird nicht Wirklichkeit."

Ein frommer Wunsch, der uns schmerzhaft vor Augen führt, dass Österreich von deutschen Medien offenbar nicht als Wirklichkeit anerkannt wird. Schon vor zwei Jahren enthüllte die Recherche-Plattform dossier.at einen Passus aus dem Dienstvertrag von Journalisten der Gratiszeitung Heute, in dem sprachlich fragwürdig, aber inhaltlich unmissverständlich festgelegt wird, dass "eine wohlwollende PR-Berichterstattung der jeweiligen Inserenten für den wirtschaftlichen Erfolg unerlässlich ist".

Ganz ungeniert wurde hier also ein die österreichische Mediengeschichte von Bekessy bis Fellner spiegelndes Prinzip auf den Punkt gebracht, dessen Funktionalität sogar als akademisch verifiziert gelten darf. Eine 2012 veröffentlichte Untersuchung der Universität Innsbruck bestätigt einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Inseratenvolumen und positiver Berichterstattung bei Heute.

Der "wirtschaftliche Erfolg" der Gratiszeitung steht mittlerweile außer Frage. Bemerkenswert jedoch, dass ihre Gründer sich in devoter Bescheidenheit üben und ihre Identität hinter einem nahezu blickdichten Schleier aus Treuhändern und Privatstiftungen schamhaft verbergen. Normalerweise hat der Erfolg viele Väter, bei Heute will man sich nicht einmal zu einem Schwiegervater bekennen.

Zumindest die Existenz eines Maskottchens scheint unbestreitbar: Werner Faymann ist ein Glücksbringer von besonderer Qualität, war doch jeder seiner Amtswechsel mit einer sprunghaften Erhöhung des Inseratenaufkommens der von ihm geleiteten Ressorts in Heute verbunden.

Und das wiederum führt auf eine Spur, mit deren Hilfe die vermeintliche Vaterlosigkeit des Erfolgs beendet werden könnte. Fast ein Drittel aller Inserate in Heute wurde laut dossier.at von öffentlichen Stellen geschaltet. Finanziert also von Bürgerinnen und Bürgern dieses Landes. Folgerichtig ist es hoch an der Zeit, auch für uns eine "wohlwollende PR-Berichterstattung" einzufordern.

Anstelle der im Blatt erschienenen Geschichten über die "geile Geburtstagsparty" zum eigenen Zehnjahresjubiläum mit sieben Ministern, drei Landeshauptleuten, einem Kardinal und Maskottchen Werner wäre eine Überschrift in der Art von "10 Jahre Heute - danke, liebe Steuerzahler, dass ihr das ermöglicht habt, ihr seid voll super!" weitaus angebrachter gewesen. (Florian Scheuba, DER STANDARD, 11.9.2014)

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