IT-Sektor auf dem "Weg zur Knechtschaft"

Interview11. September 2014, 05:30
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Apple, Google, Facebook und Co schaffen kaum Wohlstand und knebeln Konsumenten, sagt Wirtschaftshistoriker John Komlos

STANDARD: Sie haben in einem Forschungspapier die Innovationen der IT-Branche kritisiert. Warum?

Komlos: In unserer Gesellschaft hat Innovation im Schumpeterschen Sinne eine unglaublich positive Konnotation. Wir vernachlässigen die zerstörerische Komponente der Innovation, die viel Schmerzen bereitet. Das ist eine Art von sozialem Darwinismus, gegen den ich argumentiere. Ich denke nicht, dass wir so zu einer zufriedenstellenden Wirtschaft finden, die ein anständiges Auskommen sichert.

STANDARD: Was hat sich verändert? Schumpeters schöpferische Zerstörung war ja immer schon schmerzhaft für jene Akteure, die in absterbenden Bereichen tätig waren.

Komlos: Ja, aber ich sage, es ist noch viel schmerzhafter geworden als früher. In früheren Zeiten, in der ersten und zweiten industriellen Revolution, waren die Wohlfahrtsgewinne viel größer. Denken Sie an die Dampfmaschine, die Eisenbahn, das Automobil. Der schöpferische Teil war früher viel größer als der zerstörerische, weil neue Industrien wie die Chemie- oder Elektrizitätsindustrie entstanden. Wenn Apple mit dem iPhone 6 herauskommt, ist es nicht mehr als ein Ersatz des iPhone 5. Das ist nicht vergleichbar mit früheren Innovationszyklen.

STANDARD: Was ersetzen Twitter und WhatsApp überhaupt?

Komlos: Sie ersetzen ältere Kommunikationsformen, beispielsweise das Telefonat oder ein persönliches Treffen im Kaffeehaus, das uns genauso glücklich oder sogar glücklicher machte. Es scheint, dass diese Entwicklungen große Werte für die einzelnen Unternehmen schaffen, aber sie schaffen keinen Mehrwert in Bezug auf Lebenszufriedenheit. Twitter, Instagram, WhatsApp sind alle viele Milliarden wert, die Bedürfnisse, die sie befriedigen, wurden aber früher auch schon abgedeckt. Daher entsteht auch kaum eine Wertschöpfung.

STANDARD: Wohin führt das?

Komlos: Facebook ist jetzt zwar mehr als 200 Milliarden Dollar wert, hat aber nur 7000 Beschäftigte. Kodak beispielsweise, dessen Produkte nicht zuletzt vom Selfie verdrängt wurden, hatte einst 140.000 gut bezahlte Mitarbeiter. Wenn überhaupt Arbeitsplätze geschaffen werden, dann großteils in China, wie beispielsweise im Fall von Apple. In den USA hat der Konzern hingegen nur 47.000 Mitarbeiter. Das ist der Grund, dass wir eine Erholung ohne neue Jobs haben. Die Ikone der US-Unternehmen schafft also keine Arbeitsplätze. Und die Jobs, die es bei Apple gibt, bringen zwei Dritteln der Mitarbeiter nicht einmal normale Mittelklasse-Einkommen. Ähnlich ist das bei anderen Unternehmen, die derzeit den Ton angeben.

STANDARD: Offenbar gibt es eine große Nachfrage nach iPhones ...

Komlos: ... es ist für Konsumenten schwierig, dem sozialen Druck zu widerstehen. Bei ihnen wird der Eindruck erweckt, dass die neue Version des Produkts benötigt wird, obwohl die alte noch gut funktioniert. Höhere Preise werden in Kauf genommen, um den sozialen Status zu heben. Das erhöht zwar die Unternehmensprofite, nicht aber den Wohlstand. Zudem gibt es einen Trend, Konsumenten zum Kauf zu zwingen, weil die alten Versionen nicht mehr unterstützt werden. Ich sehe ähnliche Probleme in anderen von Innovationen geprägten Sektoren. Aus Nano- und Biotechnologie oder künstlicher Intelligenz werden wahrscheinlich keine relevanten Konsumprodukte entstehen, die in den USA für 70 Prozent des Nationalprodukts verantwortlich zeichnen. Ob Google Glass oder fahrerlose Autos: Das sind trendige Spielereien, schaffen aber keinen ökonomischen Mehrwert. Ob wir während der Autofahrt Musik hören oder E-Mails beantworten, ist ziemlich gleichgültig.

STANDARD: Kann die Entwicklung gestoppt werden?

Komlos: Das Veralten der Technologie wird in die Produkte eingebaut. Wir versuchen, mit dem technologischen Wandel mitzuhalten. Doch wir können nie eine Software oder ein Programm richtig verstehen, denn bevor man so weit ist, wird das System schon wieder verändert. Die IT-Konzerne sind somit enorm mächtig geworden. Sie verfolgen jeden Schritt des Benutzers, infiltrieren uns mit Werbung, das ist eine schreckliche Zumutung. Wir brauchen dringend eine Institution, die den Konsumenten davor schützt, sonst sind wir von der Gnade dieser Konzerne abhängig. Pharmazeutika werden vor der Zulassung von Behörden auf Nebenwirkungen geprüft. Es gibt keinen Grund, das nicht auch bei anderen Innovationen zu tun.

STANDARD: Sie haben auch demokratiepolitische Bedenken geäußert. Wie ist das zu verstehen?

Komlos: Friedrich August Hayeks Werk Der Weg zur Knechtschaft erfährt durch die IT-Branche eine neue Bedeutung. Heute sind es nicht Regierungen oder Diktatoren, vor denen wir uns fürchten müssen. Die neuen Technologien schaffen enormen Wohlstand für wenige, erhöhen damit die Ungleichheit und schließen eine wachsende Bevölkerungsschicht von der Mittelklasse aus. Diese negativen Effekte der Innovation sind weit größer als in früheren Zeiten. Anstelle der schöpferischen Zerstörung ist die verheerende Innovation getreten. (Andreas Schnauder, DER STANDARD, 11.9.2014)

John Komlos (70) ist ein US-Wirtschaftshistoriker. Der emeritierte Professor an der Universität München ist Mitglied des National Bureau of Economic Research. Er lehrte auch in Cambridge und in Wien.

  • Warten vor einem Apple-Shop in New York auf das neue i-Phone 6. Es ist für Konsumenten schwierig, dem sozialen Druck zu widerstehen, sagt Komlos.
    foto: reuters

    Warten vor einem Apple-Shop in New York auf das neue i-Phone 6. Es ist für Konsumenten schwierig, dem sozialen Druck zu widerstehen, sagt Komlos.

  • Der emiritierte Professor John Komlos.
    foto: ho

    Der emiritierte Professor John Komlos.

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