Warum Gibbons nicht nur im Wald schnell sind

10. September 2014, 19:00
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Die DNA-Entschlüsselung der Primatenfamilie lässt auf eine rasche Entwicklung schließen

Portland - Viele Eigenschaften der in Südostasien beheimateten Gibbons erinnern verblüffend an Menschen (zumindest an manche): Die schwanzlosen Primaten mit den auffällig langen Armen können aufrecht gehen, leben monogam und kommunizieren mittels Gesängen, die frappierend an die Soprantechnik professioneller Opernsänger erinnern. Und das tun sie auch noch in regionalen Dialekten, wie Göttinger Forscher 2012 im Fachblatt "BMC Evolutionary Biology" berichteten.

Nun wurde das Wissen um diese gefährdete Primatenfamilie, die auch als Gruppe der Kleinen Menschenaffen bezeichnet wird, deutlich erweitert: Wissenschafter um Lucia Carbone von der Oregon Health & Science University berichten in der aktuellen Ausgabe von "Nature" von der vollständigen DNA-Sequenzierung mehrerer Gibbonarten.

foto: apa/dpa/paul zinken
Alle Gibbonspezies gelten als gefährdet. Im Bild: ein Weißhandgibbon.

Genetische Diversität

Der DNA-Vergleich zeigt, wie schnell sich das Erbgut der Primaten im Verlauf der Evolution verändert haben muss: Die Chromosomen der untersuchten Gibbonarten unterscheiden sich offenbar viel stärker voneinander, als dies bei sämtlichen Spezies der Großen Menschenaffen der Fall ist, deren Erbgut bisher entschlüsselt wurde. Als Ursache für diese große DNA-Diversität identifizierten die Forscher eine Gruppe sogenannter mobiler genetischer Elemente, deren Position im Genom variabel ist.

Diese LAVA genannten Basensequenzen dürften an Veränderungen von Proteinfunktionen in Chromosomen beteiligt sein. Auf diese Weise könnten strukturelle Veränderungen von Chromosomen in der Evolution der Tiere erstaunlich rasch vor sich gegangen sein, berichten die Forscher. Da diese genetische Eigenheit von keiner anderen Primatenspezies bekannt ist, kann sie erst nach der entwicklungsgeschichtlichen Trennung der Gibbons von den Großen Menschenaffen entstanden sein.

foto: heather angel/natural visions
Nördliche Weißwangen-Schopfgibbon-Familie im chinesischen Yexianggu.

Fortbewegung mit Schwung

Diese Trennung datieren Carbone und ihre Kollegen nun rund 17 Millionen Jahre zurück. Die Entstehung der heutigen vier Gibbongattungen aus einem gemeinsamen Vorfahren sei wiederum in einem Zeitraum von weniger als zwei Millionen Jahren passiert. Die heutigen - je nach Zählung entweder 16 oder 17 - Gibbonarten unterscheiden sich vor allem hinsichtlich Gewicht, Körpergröße und Stimmerzeugung voneinander: Einige Arten verfügen über einen Kehlsack, der als ausgesprochen effektiver Resonanzkörper dient.

Gemeinsam ist ihnen die anatomisch perfektionierte hangelnde Fortbewegung: Durch wesentlich längere Arme als Beine, weit unten ansetzende Daumen und Kugelgelenke an den Händen können sie mit einem einzigen Schwung bis zu drei Meter zurücklegen. Diese Merkmale haben sich nach Ansicht der Forscher bei den Gibbons evolutionär stärker und weitaus schneller entwickelt als bei anderen Primaten. (David Rennert, DER STANDARD, 11.9.2014)

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