Konzentrationsdefizit: Auch Erwachsene von ADHS betroffen

10. September 2014, 18:04
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Die Aufmerksamkeitsstörung gilt landläufig als Kinderkrankheit. Dabei leiden zwei von hundert Österreichern auch im Erwachsenenalter daran - häufig undiagnostiziert

Innsbruck - Den ersten Satz zu lesen fällt noch einfach. Das Thema interessiert, man möchte sich näher informieren, bloß: Nach einigen Absätzen lässt es die Konzentration einfach nicht mehr zu. "Einen Artikel nicht bis zum Ende lesen zu können, das ist eines der klassischen Symptome von ADHS", sagt Josef Marksteiner, Leiter der Abteilung für Psychiatrie am Landeskrankenhaus Hall.

Eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, das ist eine fast als Modediagnose abgestempelte und landläufig unter ihrer Abkürzung bekannte Krankheit von Kindern. Glaubt man zumindest.

Denn worauf Innsbrucker Ärzte nun aufmerksam machen wollen: Auch viele Erwachsene leiden an einer ADHS. Das sei zwar in Forschung und Therapie angekommen, aber noch nicht in den Köpfen von möglichen Betroffenen und in der Bevölkerung.

Nur zehn Minuten Konzentration

Etwa zwei von hundert Österreichern leiden im Erwachsenenalter an ADHS-Symptomen, sagt Marksteiner - vermutlich viele davon, ohne diagnostiziert zu sein. Neben Schwierigkeiten beim Lesen können sich Betroffene in Konferenzen häufig nicht länger als zehn Minuten konzentrieren.

Erwachsene sind zwar meist nicht hyperaktiv, zappeln aber zum Beispiel unentwegt mit den Beinen unter dem Tisch oder müssen ständig etwas in der Hand haben.

Die ADHS beginnt zwar immer bereits im Kindes- oder Jugendalter, eine ungarische Studie legt jedoch nahe, dass bei 60 bis 70 Prozent der erwachsenen Betroffenen die Krankheit in diesen frühen Jahren nicht erkannt wurde. Diese Erkenntnis ließe sich auch auf Österreich übertragen, glaubt Marksteiner.

Von anderen Krankheiten überlagert

Nicht entdeckt werde die Konzentrationsstörung oft deshalb, weil sie häufig mit anderen psychischen Erkrankungen einhergeht, die sie überlagern: Alkohol- oder Drogensucht, Angststörungen oder Depression.

"Es gibt gute diagnostische Verfahren, das ist kein Hokuspokus, es wurde bloß in der Publikmachung der Erkenntnisse etwas versäumt", sagt Kathrin Sevecke, Direktorin der Innsbrucker Uniklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Rund die Hälfte der als Kinder Diagnostizierten haben auch im Erwachsenenalter noch deutliche Probleme. Ungeklärt ist bis heute, warum Männer wesentlich häufiger betroffen sind als Frauen.

Klarstellen will Marksteiner jedenfalls: "Eine ADHS ist definitiv keine Erfindung der Pharmaindustrie, wie immer wieder behauptet wird, sondern eine ernst zu nehmende psychische Erkrankung, die bei Erwachsenen sogar häufiger auftritt als Schizophrenie oder bipolare Störungen."

Unterschiedliche Ausprägung

Schwierig zu erkennen sei die ADHS auch deshalb, weil sie in sehr unterschiedlich starken Ausprägungen auftreten kann. "Es ist keine Krankheit, die man einfach hat wie Masern oder Mumps", sagt Sevecke. "Mit einer leicht ausgeprägten Form und dem richtigen Job kann man unter Umständen gut leben, ohne die Krankheit jemals zu bemerken." (Katharina Mittelstaedt, DER STANDARD, 11.9.2014)

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